Gedanken

Renaissance

Wenn lackieren nicht mehr hilft und der Spliss allzu offenkundig an der Epidermis’ Poren zu Tage tritt, weiß man, es ist Zeit für eine Oberflächentiefenüberholung. Wenn dann auch noch das Lächeln in die Kehle rutscht, man sich verschluckt und plötzlich auf Kommando in der Lage ist, Schuppenpartikel auszuspucken, wird es höchste Zeit. Es lohnt im Übrigen nicht, sich Äquivalenzumformungen hinzugeben und für die Radiokarbonmethode ist es allem Pessimismus zum Trotz dann doch noch zu früh.

Du schleichst atemlos durch jüngst verwaistes Laub, das aus Stahl geformt zu sein scheint, so schmerzhaft anstrengend ist jede Berührung mit ihm für Deinen großen Zeh. Es keucht wie Du, nur aus unzählig mehr Kehlen, und ihr versucht euch in berührungsloser Koexistenz. Lächerlich mutet es an, zu unumstößlich die Gesetze der Gravitation und zu flächendeckend der Laubbefall des Fußgängerwegs. Du rettest Deine Fingerkuppen in die flusenbewohnte Innenecke Deines graumelierten doppeltgenähten Wollstoffmantels. Und dort, wo die Winkelhalbierende ihren eigenen Winkel trifft, bohrt sich spiralförmig und in der weiß-weichen Haut unter Deinen zu lange nicht geschnittenen Fingernägeln ansetzend ein neuer Traum in Dein Gewebe. Er steuert, wie von Ferne, subkutan streng parallel zu den Papillen, aber unaufhaltsam schnuppernd, auf Dein Herz zu.

Dieses wiederum erhöht in der Folge seine Frequenz, klimpert erwartungsvoll mit falschen Wimpern und stülpt die Lippen in Form. Es weiß nicht, dass es noch Jahreszeiten dauern kann bis zum Eintreffen des Verursachers all dieser vorbereitend ausgeführten Reaktionen. Deine Außenhaut empfängt von all dem nur bleich flüsternde Signale und Du selbst wirst nicht vor morgen früh, beim ersten mürrischen Blick in den Spiegel, bemerken, dass sich Deine Oberflächenspannung relativ prim erhöht hat und dementsprechende das Rundungsverfahren eingeleitet wurde. Die Wangenknochen wölben sich wieder konvex und ein roséfarbener Schatten macht sich seit fünf Uhr früh auf, sie zu benetzen.

4 Gedanken zu „Renaissance“

  1. T.M. sagt:

    Ja, diese Novemberspaziergänge haben es manchmal sehr in sich.

  2. kopffuessler sagt:

    Hier ist es wettertechnisch noch lange nicht November. Wie soll man da spazieren gehen?

  3. kid37 sagt:

    Dieser Herbst ist betrügerisch.

  4. kopffuessler sagt:

    Kleine Gaunereien sind ja ok, aber Nebelhinterziehungen find ich dann doch etwas arg.

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