Gelüste

Postlagernd

So viel offenes Meer war schon lange nicht mehr. So wenig Strand. Und schon gar keine Muscheln.

Dabei waren zu Beginn des Jahres so viele Wunderwaffen gezüchtet, so viele Dreizeiler geträumt, so viel Ruß aus den Wimpernzwischenräumen gekehrt gewesen – allein, es bleibt das Rauschen des nie-wieder-summen-wollenden Röhrenfernsehers, allmorgendlich mit der Heizung den Soundteppich knüpfend. Für einen neuen Tag jenseits der Bikinilinie, dafür mit abgeknabberten Traumfetzen auf der Bettkante. Muss das Bett bei anhaltendem Nieselregen eigentlich verlassen werden?

Das wolkige Grau vor dem Fenster tröstet auf dem Weg zum ersten Kaffee mitnichten, was der Regen an Tränen übrig lässt. Die Seele, seit Monaten magersüchtelnd, musste nun auch noch unters Messer. Klapperdürr das, was da vom OP-Tisch hüpfte. Fast meinte ich, die HB-Plättchen rasseln zu hören und Brille trägt sie jetzt.

Draußen wartet der Winter und ein Taschenkrebs, dem man spontan zuraunen möchte, seine quadratischen Zähne, und zwar alle zehn, diesem hinterhältigen Leben ins Herzfleisch zu rammen und dabei reichlich Tollwut anzubringen. Bitte ein Packerl vom großen Glück, postlagernd, ist allerdings alles, was ich bei seinem nächtlichen Anblick zwischen zwei Mützen Schlaf lispelnd zu Diktat bringe.

Gelüste

Auf zu neuen Ufern

Und inmitten dieser backlüsternen Zeiten ein Wutschnäubchen, das sich gewaschen hat. Auch hinter den Ohren und zwischen den Zehen. Haarteil für Haarteil sezierend, der Stirntolle und ihren Runzeln Raum gebend. Zum “quick, quick, slow” des sonntäglich Schunkelns ein Stüber, der lohnt. Der den Schluckauf zum Schweigen und die Suppe zum Überkochen bringt. Es ist genug. Es scheint nicht nur so, die eine Schweigeminute war die anderthalb Sekunden zu lang. Das Mandat ist übergeben.

Zwei Jahre waren mindestens eins zu viel und drei zu schmerzhaft. Viel Demut wurde geübt, Tränen gedrechselt und dreifach gezählte Stunden unterkellert. Es gibt eine Grenze, ich staune selbst. Jetzt nochmal Zähne zusammenbeißen und die Grenze verteidigen. Linien ziehen. Das Weiß aushalten. Ausdehnen und dann: Tupfen für Tupfen die Leere füllen. Zärtlichkeit wagen. Den Schmerz lindernd. Konstruktiv unzufrieden in konstruktiv zufrieden münzen. Lustvoll?

Zuviel verlangt! Ersteinmal kleine Schritte trippeln und einen Rhythmus anlegen. Das Herz auch mal nackt tragen. Kragenweit. Und der Ruhe eine Ottomane anbieten. Mit Tee und drei Stücken Zucker. Den Leerlauf einlegen und liegen lassen bis Schnee fällt. Bis der Schnee wieder taut gar. Und dann dem Herzschlag folgen. Dem Finger auf der Landkarte. Den Wolken, die dein Atem in meinen Bauchnabel füllt.