Generika

Die Raubeinigkeit der Stunden nach 4

Oder: Zur rechten Zeit eine mittelintensive Konversation mit dem Gastroenterologen Ihrer Wahl schafft garantiert Korrelationen jenseits des ausgelatschten 1×1 omnipräsenter Küchenkräuter. Wer ahnt denn schon, dass als die Ursachen des Steakhouse-Syndroms häufig schlecht sitzender Zahnersatz oder ein mangelhaft versorgtes Gebiss gelten? Und wer hat schon auf Anhieb Punkt 7 der Sydneyklassifikation parat, die sogenannte Riesenfaltengastritis? Ja? Ich nicht.

Davon und einiges mehr erfährt der wissensdurstige Mitbürger auch bereits zu einstelliger Uhrzeit, durchaus. Nach 4 aber macht sich bei jenem welchem zusätzlich diese Wellnessdurstigkeit breit, die Fleischgelüste locker und das Wetter schaltet reflexhaft auf Abwesenheit. Dann ist Abstand gefragt, in Quadratlatschen erwanderter, von Maschendraht umzäunter, in Stein gemeißelter. Wo vormittags noch lüsternes Kniescheibenbashing ist feierabends nur mehr blutrünstiges Beruferaten.

Sobald das fragliche Gewebe entnommen und der sorgfältig eingespeichelte Schlauch zusammengerollt, lässt die Betäubung nach, der Schmerz nicht. Der nimmt zu. Je tiefer die Nacht um so wunder der Hals. Da möchte man Serviettenknödel sein, groß und rund;
üppig;
sättigend;
semmelbröselbestäubt in warmer Butter
und hustet sich mit Tränen in den Augen die Seele aus dem Leib.

“Es gibt Menschen unter uns, die in Erfahrungswelten leben, die unsereins niemals betreten kann.” (John Steinbeck)

Gestik

Des Eises K.

Sommer war’s doch eben noch, noch vor wenigen Tagen, lauthals gar. Schweiß treibend. Hitze schürend. Die Stadt verfluchen machend. Nun aber schichte ich schon wieder kunstarm Stoffschichten nach Dichte statt nach Farbkompatibilität mir auf den Leib, sobald ich morgens dem wärmenden Deckengeflecht entsteige. Gänsehaut ist von nun an und für die nächsten 8 Monate mein zweiter Vorname, der Suppentopf wird den Herd in dieser Zeit kaum mehr verlassen, und die Teetasse, Muse endloser Novemberabende, ist bereits wieder meine engste Verbündete, Tag für Tag unendliche Male an die Lippen geführt. Und unlängst aber nicht weniger unruhig wurde auch die Suche nach der Partitur des Hohelieds auf die Zentralheizung angegangen, die mir diesen Winter erstmals Rücken und Nase frei und die 4 Wände meines Basislagers warm zu halten versprochen.
Trotzdem überlegt, mir 20 Kilo Wärmepuffer anzufuttern, man weiß ja nie, wie nah Sibirien dieses Mal zu rücken gedenkt. Allein die Unfähigkeit meiner äußersten Extremitäten, namentlich Zehen, Finger oder gar Nasenrücken, ihrerseits konsequenteste Wärmeverweigerer, an Gewicht zuzulegen, und das unabhängig von der gewählten Kost. Tant pis. Bleiben Hüfte und Oberschenkel eben Frostbeulen übersät auch diesen Dezember, ohne Hü ist schließlich kein Hott.

Und so nagt sie, diese Eises-K., knabbert an Lendenwirbeln, wagt sich in bisher unbekannte Gefilde wie Kniekehlen oder Leisten vor, verguckt sich in teils imaginierte Geheimratsecken,verliebt sich in Nackenfalten. Hält Einzug, gewinnt Land und mit zunehmender Fläche auch Herz.