Gegenwart

Schnauze, Babies!

Auf dem Flughafen hast du dein Zelt aufgeschlagen, dich zwischen die Gates gestellt, als könntest du irgendetwas halten, wenn schon nicht fest, dann meine Hand und die Fäden und zwar am Boden. Dabei fliegst du viel lieber, als dass du den Boden bestellen würdest auf dem wir wandeln, du da wo der Weizen Wellen schlägt, ich da wo die Wiesen das Wandeln der Farben feiern: Im Frühling, im Herbst und im Sommer mit all den Früchten, die du dir in den Mund raubst, sobald du ihrer habhaft werden kannst – und im Winter die weite Leere der neuen Möglichkeiten.

Auf dem Feld hast du dein Lager aufgeschlagen, da wo die Kräfte sich bündeln, wo der Wald stehenbleibt und der Wind regelmäßig die Orientierung verliert. Das Feld, auf dem die Saat auf- und die Sonne untergeht, wo aller Anfang bestellt aber nicht abgeholt wird, wo der See kalte Füße kriegt und der Weg eine Kurve schlägt. Da lagerst du ein, was dir zwischen die Finger gekommen war, da bettest du dein Herz zwischen Gerste und Roggen, da säst du Hopfen und Malz, legst ein und um und auf und dich dazwischen: Jucke es, wen es wolle, du aber ruhst.

Auf dem Bild hast du ein Buch aufgeschlagen, drei Seiten jenseits der Mitte zwischen Daumen und Zeigefinger, die Seite, die du gerne zeigst, wenn die Sonne ihre Zahnlücken hervorholt und der Schatten rechts von dir zu Boden fällt. Das Bild, das davon lebt, dass der Blick zwischen die Seiten rutscht und auf der Zeile landet, die du längst auswendig und ich mir nicht merken kann: Ruhet in Fetzen, ihr Worte, ich hab euch im Herzen statt auf der Zunge, ich trag euch übers Feld, ans Gate und wenn ihr wollt, nehm ich euch huckepack in den Himmel mit, wenn ich geh. Bis dahin aber, Schnauze, Babies!

Gegenwart

nächtens only

By the Sea | © Anne Seubert

Wenn ich ein Wasser wär, flöss’ ich in dein Meer,
flöss’ ich bei Ebbe dir zu Füßen,
flöss’ ich bei Flut dir um die Knie in dein Meer, deinen Strand mitnehmend für eine Insel,
unerreichbar am Horizont.

Wenn ich ein Wasser wär, trüge ich dich bis ans Ende aller Wellen, da wo die Stille sich streckt und die Gedanken hörbar,
trüge ich dich ins Buch aller Bücher und
über die letzte Seite hinaus auf meinem Rücken in ein Meer, das gerade fliegen lernt.

Wenn ich ein Wasser wär, tränke ich dich in Schlucken,
tränkte ich dich mit meinen Salzen und Süßen,
tränke ich dich über den Durst hinaus in Scharen und Scheinehen über die Schwelle des Himmels, der für alle offen.

Wenn ich ein Wasser wär, regnete ich für dich nächtens only,
regnete ich für dich aus Wolkentürmen, so hoch, dir würde schwindelig beim bloßen Anblick,
regnete ich für dich in Fäden, die von Hand gebunden, so fein sich an deine Haut schmiegend, einen Glanz spürbar werden lassend, so feucht wie golden.