Gelage

Rapport in Farbe

Gelb gegessen bis das Bauchfell spannte. Die Augen tröpfchenweise geöffnet bekommen. Zwei Plastiktüten jovialer Ratschläge reicher, drei Lächeln ärmer den Raum verlassen. Eingeschlossen. Vergeblich, aber hartnäckig versucht, der Raufasertapete die Pickel auszudrücken. Hinter getöntem Plexiglas den Weg zurück ins Freie entlang gestolpert. An der ersten Ampel gescheitert an den Masten gelehnt. Weder rot noch grün waren zu erkennen.

Zwei Tafeln Schokolade später Teile des Gelbs endlich erbrochen. Trotzig die Wimpern türkis getuscht. Die temporäre Sonnenlichtallergie als Ausrede für geschlossene Lider genutzt und die jungfräuliche To-Do-List über den Tellerrand geschubst. Grollende Tränen mit der Hand gefangen und lebendig geröstet. Heiß und fettig aus der Pfanne gefischt, verspeist und kauend den Unwetterwarnungen gelauscht.

Das Grau dankbar willkommen geheißen und die Haut dem Regen dargeboten. Dem Druck der Schädeldecke mit Hutproben entgegengetreten. Unter der großzügigen Krempe des dunkelblauen schließlich ein Blinzeln gewagt. Die auf diese Chance nur wartenden gelben Blitze in den türkisen Wimpern gefangen. Den entstehenden Ruß als Kajalersatz für den geplanten finalen Augenaufschlag genutzt. Schwarz in das mittlerweile grünliche Gelb gemischt und die Hände zumindest ansatzweise gewaschen.

Gelage

Die Welt in Händen

Früher, da gab es täglich Globuli. 11 Weiße vor dem Essen und drei Hellgelbe danach. Es galt sie unter der Zunge zergehen zu lassen, nicht etwa auf der Zunge. Das fiel mitunter schwer, gerade wenn das Essen schon zum Verzehr bereit stand, denn unter der Zunge schmolzen sie ungleich langsamer. Geradezu quälend langsam. Der süßliche Geschmack, der sich übelerregend aber gemächlich im Mundraum ausbreitete, wenn die wartende Mahlzeit beispielsweise aus Schinkennudeln bestand, fettglänzend salzverkrustet und verführerisch duftend.
Man musste sie sorgfältig abzählen, obwohl bei ungünstiger Beleuchtung der Unterschied zwischen Weiß und Hellgelb schwer zu erkennen war. Unabhängig von der Farbe aber waren sie gut. Durch und durch und egal von welcher Seite zuerst beleckt. Die einzige Bedingung bestand in der regelmäßigen Einnahme und dem unbedingten Glauben an ihre Wirkung.

Heute bin nicht nur ich viel größer, auch die Globuli in meinen Händen sind zu bisweilen mannshohen Globen angewachsen. Sie wölben sich nicht mehr unschuldig weiß, sondern in allen Farben von Preußisch Blau über Haselnussbraun hin zu Perlmutt changierend. Und statt unter meine Zunge gilt es, sie in doppelt gesicherte Vitrinen zu verfrachten, vorteilhaft beleuchtet und von allen Seiten zu bestaunen. Die fordern keinen Glauben, nicht einmal Betrachtung, sie sind in sich selbst ruhende Universen, Abbilder unseres täglichen Einerlei, prall, knackig und unbelastet von jeglicher Cellulite gerundet. Hinter einbruchsicherem Glas versprechen sie mir tagtäglich die sieben Weltmeere, den Himalaya, den Mariannengraben, Patagonien, die Malediven – unerreichbar selbst für meinen Zeigefinger: die Welt.

Einstweilen durchblättern meine linken Fingerkuppen das Ich von Kopf bis Fuß, während die rechten Strähnen zu Zöpfen flechten, asymmetrisch das Kinn betonend, das vom Kopf ausgehend, den Weg zum Bauch zeigt, unmissverständlich.