Gelage

Flügel, Braue, Stille

Und dann gibt es diese 17-Tage-Wochen, in denen unsere Nächte, gegen Ende klamm geworden, ihre Träume tauschen und der Wecker Insolvenz anmeldet: So langsam seien alle Zeiten aus, alle Alarme gestellt, alle Zeiger auf Nordost. Du weisst längst nicht mehr alles, geschweige denn warum, die Türen öffneten sich so schnell, dass das Lächeln mitunter für zwei reichen musste. Und dann wird es eben die Blumenverkäuferin, die das Lächeln, das Trinkgeld, die guten Wünsche und den Duft bekommt, den du zwischen den Wimpern aufgelegt hattest.

Und dann kommt dieser Moment, in dem du auf den nächsten Absatz sinkst, gepolstert oder nicht, und zu fließen beginnst. Die Anspannung reicht bis auf Gründe, die nichtmal du dir ausdenken könntest, so tief, so verlassen, so unterkühlt, und erst als die Schultern die Ohren langsam wieder frei geben, wirst du gewahr, wer dir zur Seite stand, wer sich neben dich setzte, wer dich über Stromschnellen trug. Wer für dich sang.

Und zwischen Erschöpfung und Halleluja macht sich eine Unschuld breit, legt den Sturm kurzerhand aufs Kreuz und sich behutsamst ihre Flügelchen wieder an, als ob nichts gewesen wäre, und schließt dir die Augen. So viel Strömung war schon lange nicht mehr, so viel Land, so viele Schnellen. Ich halte die Wimpern still, die Brauenflügel dicht am Körper und atme nach innen: Aus. Ein. Auf.

Gelage

Der richtige Moment

Horizont | Anne Seubert

Der richtige Moment ist mitunter unerträglich schüchtern, dann wieder unfassbar gut drauf und manchmal erst durch den Kontext unwiderstehlich. Nicht nur das verbindet uns. Auch die fleischgewordene Abneigung gegenüber jeglicher Art von Diät.

Der richtige Moment reift im Dunkeln, redet sich im Schlaf um Kopf und Kragen und fühlt sich unter der aufgehenden Sonne pudelwohl. Er hält wenig von Nachhaltigkeit und Marathonlauf, umso mehr von Punktlandungen. Sein Augenaufschlag macht dich knülle, aber auch mit geschlossenen Augen gehst du vor ihm in die Knie.

Der richtige Moment ist ein Steh-auf-Frauchen, das Haar schwungvoll in den Nacken geworfen, den Absatz gern ruiniert, denn am liebsten ist er barfuß unterwegs, knietief im Nichtsdestotrotz. Alle auf Achtung, empfiehlt sein Adjutant und legt beflissen das Cabrio in die Kurve: Heute verrät die Uhr ihre Zeiger, bleibt pünktlich stehen und lässt keinen Stein auf dem anderen.