Geliebte

Aufgespürt und unterwiesen

Küsst du so, wie du schreibst? Eine Leserfrage, die mich rechtzeitig daran erinnert, dass Schreiben eine einsame Tätigkeit ist, während ich zuletzt mit 13 allein küsste, und zwar meinen Unterarm. Immer und immer wieder, bis die gestrenge Lehrerin und Mitschülerin Gnade walten und den Versuch, meine Lippen so auf die Haut meines Unterarms zu pressen, dass es wie ein Kuss aussah und sich auch so anhörte, gelten ließ.

Heute bist du es, den ich küsse. Dann, wenn du nicht hinguckst. Wenn du Pläne schmiedest, Reifen wechselst und Tage zu Schlössern träumst, bei denen die Tore weit offen stehen und 24 Zimmer nur darauf warten, von dir eingerichtet zu werden. Wenn du Etiketten studierst, die mir Angst machen, dir Arbeit. Arbeit, die dein Hirn an der Pommesbude vorbeischickt, wo du die Kalorien im Fett schwimmen lehrst und dann bis zum letzten Tango dazu aufforderst, von der Gabel zu springen und nicht etwa über Los sondern direkt auf deiner Zunge zu zergehen.

Gehe hin in Küssen, gebe dich hin, möchte ich dir zurufen, lehr uns das Nonplusultra. Rot. Blau. Grün möge es uns werden, hinter den Ohren, auf der Zunge, ja, bis in die Kniekehlen kitzeln möge es uns, auf dass der Takt egal werde und die Ochos aus der Hüfte fallen. Fallen, so tief, dass nur du sie spürst, der du selbst das Salz duften machst, das im Sommer die Haut meines Unterarms nach Küssen lechzen lässt, nach Öl, dem grünen guten, das an deinem Herd steht und mich Pläne schmieden lässt. Menuepläne für ein Leben nach dem Reifenwechsel.

Geliebte

Die Zärtlichkeit der Stadt

Die Zärtlichkeit der Stadt morgens um viertel vor acht ist eine, die sich atmen lässt, eine, die dich trägt, egal wie müde du bist. Eine, die nicht fragt wo du herkommst, auch wenn du mit zerbeultem Koffer aufschlägst oder ganz ohne Gepäck. Ob deine Haut grau, grün vor Neid oder blass, weil die Nacht weit und der Morgen fern blieb.

Die Zärtlichkeit der Stadt stellt sich deinem Zynismus mit einer Ampelschaltung in den Weg, die Lichter unter Wechselstrom, die Straßen breit, und lässt ihre Wahrzeichen baumeln. Ein Ufer wär ihr zu wenig, sie stellt ein und aus, was dir am Herzen liegt und mir gelegentlich auf’s Dach steigt, in einem Atemzug.

Die Zärtlichkeit der Stadt, macht denen Mut, die unter der Hand kein Ass, sondern einen Piraten tragen. Antizyklisch. Ihr Ego mit allen fünf Fingern gezügelt, regelt sie Wertesysteme über Fahrradwege in Ufernähe. Hält einen Park für die Zeit genannte, im Raum und Wochenbett erst sich Erstreckende, und Häppchen für die, die zum Italiener weder Traute noch Penunse: Spätiweise an jeder Straßenecke.

Dich freundlich, aber bestimmt entfremdend, dir bereits im zweiten Blickwechsel das Du anbietend, flicht sie unserer Sprache sogenannte Schwächen ins Konsonant gebliebene Silbendreierlei. Sie entwaffnet deine Angst noch im Anflug auf Tegel und weiß Flüchtigen wie bleiben wollenden ein Obdach anzubieten, dem sich schwer widerstehen lässt, auch wenn alle Buletten dagegen sprechen.