Gelüste

Auf zu neuen Ufern

Und inmitten dieser backlüsternen Zeiten ein Wutschnäubchen, das sich gewaschen hat. Auch hinter den Ohren und zwischen den Zehen. Haarteil für Haarteil sezierend, der Stirntolle und ihren Runzeln Raum gebend. Zum “quick, quick, slow” des sonntäglich Schunkelns ein Stüber, der lohnt. Der den Schluckauf zum Schweigen und die Suppe zum Überkochen bringt. Es ist genug. Es scheint nicht nur so, die eine Schweigeminute war die anderthalb Sekunden zu lang. Das Mandat ist übergeben.

Zwei Jahre waren mindestens eins zu viel und drei zu schmerzhaft. Viel Demut wurde geübt, Tränen gedrechselt und dreifach gezählte Stunden unterkellert. Es gibt eine Grenze, ich staune selbst. Jetzt nochmal Zähne zusammenbeißen und die Grenze verteidigen. Linien ziehen. Das Weiß aushalten. Ausdehnen und dann: Tupfen für Tupfen die Leere füllen. Zärtlichkeit wagen. Den Schmerz lindernd. Konstruktiv unzufrieden in konstruktiv zufrieden münzen. Lustvoll?

Zuviel verlangt! Ersteinmal kleine Schritte trippeln und einen Rhythmus anlegen. Das Herz auch mal nackt tragen. Kragenweit. Und der Ruhe eine Ottomane anbieten. Mit Tee und drei Stücken Zucker. Den Leerlauf einlegen und liegen lassen bis Schnee fällt. Bis der Schnee wieder taut gar. Und dann dem Herzschlag folgen. Dem Finger auf der Landkarte. Den Wolken, die dein Atem in meinen Bauchnabel füllt.

Gelüste

Dreckiges Tanzen

Ja, es gewittert häufig in diesen Tagen. Viel. Und nass. Und laut. Und nicht erst seit diesem Sommer macht mich ein anstehendes Gewitter entsetzlich müde, einsetzendes Gewitter rollig, und nach dem Gewitter, wenn die Luft im besten Falle klar und kühl, kommt der große Hunger. Gestern aber gelüstete es mich bereits vor dem Gewitter nach Champagner, in hohe dünne Gläsern gefüllt und mit Oliven anbei, dann kam der Appetit, und mit Einsetzen des Regens wollte ich nichts als tanzen.

Da war es gut, dass das Lokal, in dem wir speisten nicht nur Champagner feilbot sondern auch Ausblick auf die Stadt und das Gewitter und den Regen, der auf sie niederging aus Wolken, so stürmisch als wären sie gemalt. Meine Müdigkeit verflog noch während der Vorspeise (Melonencarpaccio!), die Blitze kreischten uns zeitgleich mit dem Hauptgang (Risotto mit Jacobsmuscheln) um die Ohren, elektrisierten die Dächer der Umgebung und ließen mich ein ums andere mal hinter meinem dickwandigen Teller zusammenzucken. Das Risotto tröstet nur halbwegs. Aber während wir uns dem abschließenden Espresso widmeten ging das Gewitter in einen gütigen Sommerregen über, mit prallen, lasziven Tropfen, die auf dem Pflaster lustvoll zerplatzten.

Nichts hielt mich, nicht die Praline auf der Untertasse, nicht die Rechnung, nichtmal du neben mir. Es zog mich raus auf diese Straße, in der die Straßenbahn gen Mitte schwamm, über die Bordsteinkante, die gerade sprudelnd zu versinken drohte, mit rudernden Armen, das Gesicht gen Regen und mit jedem Tropfen, der meine Haut berührte, ging der trommelnde Rhythmus in meine Beine über, Schlamm hin oder her. Aus den Augenwinkeln sah ich dich noch den Kopf schüttelnd in der offenen Tür stehen, die Lippen gespitzt.