Gelüste

Feierabend mit Streuseln

Am Abend des ersten Sonnentages kniete er bei einbrechender Dämmerung nahe ihrer bloßen Fußsohle, ein Köstritzer in der linken Hand, die Wange an ihren wonnigen Bauch gelehnt. Ein Sonnentag genügte und ihr Herz schlug wieder verlässlich auf Bauchnabelhöhe, bei Atemlosigkeit und AufErregung gar sichtbar. Die Wange war ungewöhnlich glatt rasiert, markierte damit wochenendliche Kussbereitschaft, wahrscheinlich handelt es sich sogar um einen Freitagabend.

Er hatte den frühen Feierabend für einen Stadtspaziergang genutzt, den Weg an der Eisdiele vorbei gewählt, und über die sich über den einen, ersten Sonnentag gebildete Schlange der Eishungrigen gefreut. Einmal Vanillje mit Streuseln und Regenschirm, bitte. lauscht er im Vorbeigehen und schmunzelt ebenso vanille-lüstern wie genussbereit. Von der Eisdiele sind es nur mehr 63 – an langsamen auch mal 67 – Schritte bis zu ihren Fußsohlen, eine kleine Brücke ist zu überqueren sowie ein vierstufiger Treppenabsatz zu erklimmen. Eine Tür zu öffnen. Einzuatmen.

Ersteinmal in der Wohnung gilt es ihren Schatten zu erhaschen – die neuerdings bis zu seinem Feierabend durchhaltende Abendsonne macht dieses Unterfangen unendlich leichter. Intuitiv dann ihren Leib zu ertasten, die Augen bis zu einem winzigen Spalt geschlossen und die Nase in ihr Haupthaar zu vergraben, das sie immer wieder vergisst, offen zu tragen. Den Moment der Berührung zögert er gern hinaus, horcht erst, ob das Herz noch schlägt, beatmet bei dieser Gelegenheit den zitternden Bauchnabel, hält inne bis die Knie ihn ans Vergehen der Zeit und das ausstehende Abendessen erinnern, schmerzhaft zuweilen.

Das Bier hingegen nimmt er dankbar aus ihren Händen, der erste Schluck markiert den Frieden mit dem Tag, nach dem zweiten folgt endlich die Umarmung, die auch ihre Lippen lächeln macht. Einziges Opfer: Der Streusel im rechten Mundwinkel, der auf ein Lächeln nicht gefasst, vom Vanille-Eis schon allzu säuberlich gereinigt, den Abgang macht. Unbemerkt.

Gelüste

Antipasti in Erdtönen

Manchen Weg meistert man am Besten zu Fuß.

Halmhohes Wurzelwerk unter der Sohle beruhigt den Herzschlag auf das Nötigste. Matsch, so weit das Auge reicht, nur in den schärfsten Kurven notdürftig Rindenmulch. Der Stadt entkommen. Aufatmen. Dem Auge einen Fokus suchen, dem Herz ein Ziel, der Ferse den nächsten Halt. Knietief im Nichtsdestotrotz. (ankommen)

Spüren, wie sich winzige Wassertröpfchen zwischen die locker geflochtenen Strähnen schmiegen, Pore für Pore nähren, die Schleimhäute wiederbeleben. Feuchtigkeit satt und nicht eine Menschenseele in Sicht. Raum für Atemzüge und Schrittweiten über der Norm. Raum auch, den Liedzeilen im Kopf eine Stimme zu geben. (weich werden)

Keine Spuren, kein Zurück. Dafür Augenblick für Augenblick genüsslich auf eine Gabel gespießt. Sichtachsen, als Appetithappen drapiert in lasziv transpirierende Stillleben. Licht nur um Silhouetten erahnen und Schatten zeichnen zu können. Zuweilen: ein großzügiger Streich leuchtendes Gelb inmitten sahnigen Brauns. (eintauchen)