Gelüste

und sie skizzierte einen mann…

… rötel auf bütten … kratzend … schatten für schatten … mulde für mulde … schemenhaft … langsam den stift über das papier gleiten lassend … diesem mit den augen folgend … zuweilen zögernd … die finger schon rotverschmiert … mit den verfärbten fingerkuppen die harten linien verwischen … die konturen weicher machen … sinnend aus dem fenster und dem regen beim tropfen zuguckend …

… das licht fällt nun gräulich gefiltert … durch die ungeputzten scheiben … graumeliert … tiefere schatten werfend … den pinsel befeuchtet verdunkelt sein strich die flächen … der mann wird tiefer … erhält geheimnisse … falten … zeitspuren inner- wie äusserlich …

… zeit für farbakzente … sparsam … frech heraushebend was er lieber geheimhalten würde … die zuckenden mundwinkel … der blitzende schalk südöstlich der pupille … das linkische angewinkeltsein des rechten knies … sie malte ihr ich im du … ihr spiegelbild in seine iris, im halbschatten des oberlids … sie malte den mittlerweile getrockneten schlammspritzer auf seinem jeansumgebenen oberschenkel … ocker … einen hauch sienna … sie malte die sehnsucht seiner achselhöhlen von ihr beatmet zu werden … in purpur … und sie ließ nicht einen traum im abseits der von lachenden kindern lebte … zitronengelb unter der hutkrempe …
… sie gibt seiner nase die möglichkeit, die spur aufzunehmen und seinen wimpern vor begehren zu zittern … anthrazit … sie färbte seine fußsohlen wüstensandwarm vor fernweh … und stellte seine füße bloß auf fruchtigfeuchtem erdreich … schwarzbraun … (den füßen gegenüber stellte sie ihr heimweh nach schweizer schokolade) …

… über das nunmehr lebendige blatt papier streicht der pinsel in den ersten morgenstunden noch … farbschicht um farbschicht verdichtend … firnis aufziehend … und mit ihr eine welle der neugier, ihr werk überflutend, in frage stellend … den boden auflockernd … für die pflanze mensch.

Gelüste

Mit dem Finger auf der Landkarte

Leise nur braucht Herakles zu rufen und erntet ein Echo, das vor Fernweh trieft. Im Zuge des Individualtourismus wühlst Du in Karten des 16. Jahrhunderts, Diercke ist abgelatscht und hat nichts Aufregendes mehr zu bieten. Es lockt der Atlas Maior von Joan Blaeu, der Atlas Miller und die Karten des geheimnisvollen Fra’ Mauro durchstöberst Du nächtens. Reist auf runden Karten durch den indischen Ozean auf der Suche nach der Neuen Welt, nach dem Paradies und nicht zuletzt dem Pfeffer. Herzförmige Weltkarten machen Dich lächeln und elfenbeinene Taschengloben Dein Herz höher schlagen. Überhaupt diese Globen, Pappmachékugeln mit feinst ziselierten Metallzirkeln, kunstvoll bemalt und mit Schriften unterschiedlicher Jahrhunderte versehen. Küstenlinien schlängeln sich unvermutet durch Ozeane, bilden Inseln, schneiden Meerengen,ganze Kontinente erstehen an Orten wo man heute kaum ein Atoll weiß. Aber Du kannst die Hände, die Finger nicht ruhen lassen, musst weiter. Du folgst Vasco da Gamas Spuren auf die verrückten Gewürzinseln, nach Sansibar und Ceylon, umrundest auf der blauen Fährte Fernando Magellans den mannshohen Coronelli- Erdglobus und zeigst mir auf seinem Himmelspendant die Sterne des Renaissance-Himmels.
Diese Länder, aus denen Kannibalen schmatzend herüberlächeln, Jungfrauen ihr güldenes Haar endlos kämmen und die Monster kopflos auf einem Bein hüpfen, vermögen es trotzdem nicht so wirklich, mich hinter dem Ofen vorzuholen. Staub von 500 Jahren und mehr lässt sie zuweilen albern, zuweilen grotesk und oft einfach nur viel zu alt aussehen. Doch Du hälst einen Trumpf bereit, einen unwiderstehlichen. Im dicksten aller dicken Bücher zeigt mir Dein rechter Zeigefinger schließlich das Reich der glücklichen Liebe.


(mit Dank an pheerce)