Geschwister

Auf Achse

Meist ganz schlicht Ottonormal.
Vor 10 allerdings morgenmuffelnd
Immer öfter auch Krustentier, Einsiedlerkrebs.
Latin Lover, so manches Mal.
Dazwischen immer wieder Graue Maus.
Duckmäuserich nur ganz selten.
Eher schon Raubein.
Und dazwischen regelmäßig Discoqueen. Von 4 bis halb 6.

Geschwister

Auch in der Gesellschaft deutscher Lichtbildner: habent sua fata libelli

Habent sua fata libelli

schrieb Terentianus Maurus einst zwischen viele andere Worte in ein Lehrgedicht. Heute wird er, wie hier auch, aus dem Zusammenhang gerissen, gern vierwörtig zitiert und bleibt selbst allzuoft unbenannt.

Sie mag solche Sätze, in die jeder so viel hineininterpretieren kann, so viel, dass es immer stimmt, und so viel auch, dass er sich ganz erhaben vorkommt: Stiller Mitwisser eines Codes, der das Leben erklärt. Meist sind sie nicht so leicht zu widerlegen, zu pauschal ihre Aussage, ihr Urteil. Wer will denn schon bestreiten, dass Bücher ein Schicksal haben? Eben. Und aufladen kann man es, dieses Schicksal, dramatisch, melodramatisch, kryptisch gar. Sie verabscheut Willkür.

Heute floh sie dann auch aus der schicksalsträchtigen Welt der Bücher in das oberflächlich buntbekleckste Universum der Bilder. Hoffte Ruhe zu finden, inwendig vor allem, einen Ausguck gar aus Zeilenschlünden und Buchstabenmysterien, in großflächige, flachbrüstige Medusen. Sie wurde enttäuscht, das aufgestöberte Universum der dritten Etage, war zwar weitgehend frei von Buchstaben, aber leider schwarzweiß.

Es begegnen ihr dafür mindestens zwei Männer, zwei Leben, zwei Schicksale auch, im mittleren Raum hinten rechts. Dort standen sie wohl schon ein ganzes Weilchen, als sie den Raum schließlich betrat, fast eingeschüchtert durch die überallene Ruhe.

Der eine unsichtbar im Bild, der andere eher omnipräsent, fielen sie ihr somit durch den Dialog, den sie miteinander führten, auf. Textfrei, aber umso einprägsamer jenseits von Zeilentreue, anbiederndem Floskeltum und Absatzentrückungen.

Was sprachlich von dieser Begegnung zu vermitteln bleibt, ist nicht viel: Jahrgang 1924 und Jahrgang 1942 der andere, besteht die Verbindung zwischen ihnen in einem schwarz gekleideten Wagen, Christo (?), oder besser dem Bild davon: Robert Häusser und Jochen Rindt.

Und dann ist es doch die Bibliothek, in der ich sie wiederfinde, die Hände zwischen Buchdeckel gepresst, vereinzelte Finger als Wachposten auf fernliegende Seiten abkommandiert: Um ja keinen Satz zu verpassen, er könnte die Erklärung ja bergen. Wieder der Versuchung erlegen, sich statt auf die Geschichten selbst einzulassen, den Beipackzettel zu konsultieren.

Hastig fliegen ihre Augen über die Seiten, vorbei an den Bildern, die allesamt viel zu beredt wären, würde ihr Auge in ihrer Mitte zur Ruhe kommen und Aufmerksamkeit schenken. Das wäre nicht nur fatal. So werden allein stehende Sätze gesucht, meist gar mit doppeltem Abstand vom restlichen Text getrennt, kursiv gestellt oder in Anführungszeichen gesetzt, oft rechtsbündig ihre Einsamkeit noch unterstreichend.

Sie schlingt sie unverdaut hinunter, das linke Auge immer schon eine Seite weiter. Auch wieder schade drum, denke ich, heute irgendwie keinen konsistenten Standpunkt findend.

Die kleinen stillen Dinge zogen mich an.

Stand da zum Beispiel. Und bliebe ich nackt, legte sich mir eine Frage ad hoc auf die Lippen, verließ sie obgleich nie.

Und:

 Sehen lernen entwickelt das Bewusstsein.

Zwei Sätze von Robert Häusser, selten zitiert, oft erinnert.