Gestern

Wie bist du eigentlich sozialisiert?

Wie bist du eigentlich sozialisiert? – Eindrucksvolle Gesprächswiederaufnahme im Stau hinter Katharina Wagners Wagen. Und wie so oft kommen die schlagfertigen Antworten erst am Tag darauf in Reichweite. Am Nachmittag sogar erst, als ich endlich wieder mal musealen Boden betrete, fast ein wenig scheu ob der langen Abwesenheit.

Im Martin-Gropius-Bau kann man dieser Tage nicht nur Marilyn und Bob Dylan in die Augen schauen, auch namenlose Ölfeldarbeiter, Landstreicher, Mörder und ein „Arbeitsloser Black-Jack-Kartenausgeber“ bieten sich den angesichts des regnerischen Wetters zu Hauf angereisten lüsternen Blicken dar. Wir lachten viel und flüsterten noch mehr. Beim Hüpfen über Blickachsen und dem Retten der eigenen Achillesferse vor blindgeschobenen Kinderwagenrädern zuweilen gar außer Atem geraten. Viel Haut gab’s, zerknitterte und babyzarte. Vielerlei Frisuren, von Vokuhila bis Banane. Viel zu viel Voyeure für die oftmals zarten Linien. Keine Farbe.

~~~

Und weil ich dich heute um ein dreifachgesplisstes Haar wiedergesehen hätte, lange Minuten war ich gar überzeugt davon und drapierte vorsorgend ein gesprächsaufforderndes Lächeln auf meine Lippen, las ich, wieder zu Hause, was ich schrieb, damals, als wir uns das erste Mal begegneten.

kein schlaf heute nacht
dafür elf mal
deine nummer auf meinem AB

dem lidschatten
im augwinkel
ausgewichen
scheint mir
der schalk
in blitze gebündelt
zuzuzwinkern
auf der suche
nach vakanten
stell’n beinah
komplizenhaft

~~~

Gestern Bild, heute Text, morgen Arbeit.

Gestern

Kulinaria on the street

Nackten Arsches sich auf den herbstlichen Asphalt schmiegen, die Kniescheiben an die Bordsteinkante gepresst. In der handbeschuhten Faust dabei stets ein Freudenfrollein am Stiel und in der himmelwärts sich ausbeulenden Manteltasche ein Nussgipfel allererster Güte. So, und gerne auch mit ihr, stellte er sich novemberliche Sonntagnachmittage bevorzugt vor. Meist endeten sie leider weit entfernt von jeder seiner Vorstellung auf einem allzu grünen Kaschmirsessel, eine blondtoupierte, kräusellippige Dame an der Teetasse gegenüber und einem eingeschweißten, halbierten Creamcheese-Bagel auf dem Platzteller.

Vorgestern aber hat er, so unverhofft wie detailliertes geplant, drei Straßen weiter als üblich, dort wo die Stadt zum Dorf mutiert, im Schaume der Skoliose-gebeugten Dämmerung den Anblick ihrer Mondscheinbrüstchen in trauter Zweisamkeit genossen. Die Sehne seines Ringfingers war Zeuge wie drei seiner stets unter 37°C kühlen Fingerkuppen die bleichen Panoramen Quadratzentimeter für Quadratzentimeter mit Schweiß bedeckten und solchermaßen in zarten Schein versetzten. Seine Zungenspitze fabulierte derweil von mild-mediterranem Steinpilzrisotto und dem Duft von Gläserweise leuchtendem Grauburgunder.

Es ist natürlich mitnichten der Fall, dass obenbeschriebener Herr, und als solcher ist er ohne Zweifel zu bezeichnen, mir näher bekannt wäre. Aber die einzelne graugefärbte Wimper nordwestlich des polychromen linken Augapfel des Mannes, der mir heute früh für den Kauf der aktuell in ausgewählten Supermärkten dargebotenen gelben Balistos – Limited Edition um wertvolle Sekunden nur zuvorkam, bestach mit ihrer geradezu atemlosen Beredsamkeit in einer mir bis dato unbekannten Intensität. Und so wusste ich in der darauffolgenden gleichen Minute um meine Rückkehr mit leeren Hände wie um seinen letzten Samstagnachmittag.