Gestik

Heterodont

Zahnfleischer nannte er sich, und das war nicht einmal gelogen. Bohrend der Skeptizismus, den er auf der Zunge trug sobald er die Lippen bewegte. Oftmals unwillkürlich. Zahnsteinerweichend sein morgendliches Orientierungsritual: Mit dem erst halbgeöffneten Blick, noch ehe der Wecker es wagt die Stimme zu erheben, einmal um den Block tasten: Bettpfosten, Hausschuhe, Türklinke, Lichtschalter und über den halbabgebissenen Schokoriegel zurück unter die Decke. Noch fünf Minuten. Und vielleicht auch noch mal fünf.

Da heute Mittwoch, ist es weitere fünf später immer noch ausreichend früh, fällt die Entscheidung gegen das heiser-routinierte Räuspern des abgegriffenen Apparates, bleiben die Wimpernausläufer (unangenehm blass übrigens) gen Kniescheibe ausgerichtet. Das Tageslicht schiebt sich mit einer von ihm ob der als angemessen empfundenen Aufdringlichkeit um die Gardinenstange, wenig originell und noch weniger gekonnt den Schlussakkord von „wake me up before you go“ auf der Zunge balancierend.

Blinzelnd schiebt er sich den oberen Zahnkranz ins Backenfleisch, auf der allmorgendlich gleichermaßen zum Scheitern verurteilten Suche nach Gleichgewicht den Beckenknochen ins Roßhaargezwirn pressend. Ächzend die ersten Laute durchs Gebiss ins Universum wagend, erhebt er sich erst, wenn Licht und Lärm sein Hirn ausreichend kraftvoll fluten, bis dahin sitzt auch das Lächeln für den ersten Blick ins eigene Antlitz unter dem Badezimmerhalogen: noch nicht für den Ausgang perfektioniert, mehr alt- denn perlweiß, aber immerhin: Zahnsteinerweichend jeden auch nur Weiblichkeit vortäuschenden Nerv ins Blaue treffend.

Gestik

Lost in Two

Morgen für Morgen führ’ ich mich aus an der noch winterlangen Leine – noch 2, 3 Grad, dann werden mit den Nächten auch die Röcke wieder kürzer. Enger auch: gut geführt ist schließlich halb getanzt. Bis dahin aber bleibt das Aufsteigen beschwerlich, das Spagat unmöglich und die Pfütze nass. Und taub für alle beim siebzehnten gescheiterten Versuch des trockenen Überquerens ausgestoßenen Flüche, gleich in welcher Sprache sie erdacht. Gleich welche Kniescheibe beim Absprung knackte. Gleich welcher Mond schien.

Am Abend danach dann gilt es den Kiesel wieder zu erden, der den Weizen schlaflos machte. Bauchwellenspülungen mit nasskalter 80%iger Mousse de Nostalgie, zweifach geschlagen und dreifach geteert. Konzentrisch Übelkeit erregend wagt sich prompt durchs Sonnengeflecht, wessen Lachen auch Generationen nicht zum Verstummen bringen konnten: Heiterkeit gibt den Rhythmus vor und die Highheels folgen nonchalant Stakkatos imitierend, den eigenen Hunger nur schwerlich zähmend.

Die Zehe zuerst, dann weiß auch mein Bauch um Deine Nähe. In Brauen lesend verlor sich das Buffet aus aller Anwesenden Blick lange bevor die Musik den Raum betrat um ihn erst morgens wieder zu verlassen und auch das nicht freiwillig. Es regnete schon mal lauter, ich weiß es wohl, aber ich will es nicht schmecken, nicht jetzt und nicht vor dem ersten 20 Grad-Abend, den meine Wut bereits im letzten Nebel reservierte: für Schreie unterhalb der Nabelschnur, für gerauftes Haar hinterm linken Ohr und für die drei Bisse auf Schulterhöhe!