Gestik

Wenn einer dir flüstert

Wenn einer dir nächtens flüstert, er habe die Sonne im Ohr, sei immerhin noch skeptisch. Gesteht er dir aber unter zweierlei Glas Rotwein, er schnitze jüdische Friedhöfe in Polens Puszta, sei sicher, er hat eine Geschichte im sich zaghaft kräuselnden Nackenhaar und ein, zwei Götter in petto. Und weiß er, mit dem Blick nach unbestimmt fragend, von deinem Faible für Walnusshälften und Deinem Bedürfnis nach morgens bereits hutlosen Gesichtern, nimm Dir die Zeit seine Unvollkommenheiten zu entblößen. Unbeseufzt.

Als der Tom Waits Friedrichshains das italienische Zirkuskind traf, trug sie Rock, las Stein und Flöte. Selten genug, dass sie ihr holziges Knie unbehost auf die Straße führte, zeichnete es sich doch durch eine Weichheit aus, die jenseits ihrer Unbeholfenheit, der von ihrem Gaumen verehrten Clotted Cream in nichts nachstand. Ich stand und saß damals abwechselnd neben ihr, wilderte mit meinen Wünschen in ihrem Haar, doch dass ich mich heute an diesen Abend erinnere, hat nichts mit ihrem Rock, nichtmal mit ihrem Knie noch Haar, sondern einzig mit ihrem Lächeln zu tun, dem ich heute auf den Lippen einer frühmorgendlichen Passantin wieder begegnen durfte.

Später dann barfuß schokoladene Ideen und mit reichlich Schinken und Käse belegte Fragen gedanklich nach Indien versenden, sorgsam mit universal gültigen Paketaufklebern bedacht und an die Götter 1 bis 17, von Illusion bis Weisheit adressiert. Auch Götter bedürfen ja möglicherweise der Inspiration eines kopffüßelnden Wesen, eines Blicks von weit her, eines absurden Gedankens. Ich jedenfalls bedarf ihres Kopfschüttelns, der absurden Hoffnung auf eine Antwort, der Verletzlichkeit des Fragenstellers.

Gestik

Feuerländer, Windsandale

Ich lebe in ihm, lebe und liebte, lärmte, lebertrante. Leumund, lebenslustiger, ich languste Dich! Möchte Bild sein, in ihm, bergseebebilderndes bambusberahmtes Burgfräulein-Bindfaden-Mosaik. Orchesterbeprobt, schallmauernerrichtend weiß die Muschel meines Ohres von seinen Meersalzen, ohne ihn auch nur je atmen gehört zu haben. Das Kruzifix, unterm Bauchnabel brandschutzgeprägt, hisst die Poren, das Schamhaar leuchtet mitten im März: Indian Summer!

Ich rolle das R wie Jahre nicht mehr und weiß um seine unzureichende Qualität – es gibt Töne und Töne und meine gehören nicht dazu. Selbst die Lautsprecher verstummen, erhebe ich die Stimme, er ist längst geflüchtet. Der Einzige sein, der seine Sprache noch spricht, auch nur mehr versteht, muss seltsam berühren, ohnmächtige Konsonantenalleen, ungenossen, unbefahren, unerkannt. Das U im X strikt meidend, spricht er unsere Sprache, immer als spräche er sie zum allerersten Mal, Silbe für Silbe entjungfernd.

Das Er im ich scheint ubiquitär, jetzt wo die U-Bahn still steht und der Bus nichteinmal mehr erwartet wird. Ich möchte ein Kanunomade sein, Windsandale, Feuermelder. Feuerrot jedoch nie, dann lieber matt violett, kartoffelschalenbraun, ja nüchterne Erde am liebsten, Patagonien pur. Pigment. Lass mich dein Erdhörnchen sein.