Gestik

Der Mann in mir

…mag mein Lächeln.
Er seufzt verzückt beim sommerbedingt vermehrt anzutreffenden Anblick nackter Schenkel. Weigert sich Röcke zu tragen, auch in der schwülsten Julisonne, zieht stoisch kühles Bier jeder modischen Abkühlung vor.
Er leckt sich beim Anblick meiner erstmalig rot lackierten Fußnägel ins begierig geballte Fäustchen und arschbombt quietschvergnügt in den nächstbesten See, Zuschauer hin oder her.

Der Mann in mir trüge gern Fliege zum Etuikleid und Aftershave statt ängstlichem Gloss, Backenbart statt Lächelversuch, und bei Weitem lieber Knie statt Dekollete zu Schau. Am allerliebsten aber Dreitagebart und Muskelshirt. Er geht aufrecht noch im knatterhaftesten Hagelsturm, und trägt am liebsten rote Pullis. Er liebt leere Parks, nächtliche leere Parks mit einzelnen, verwittert zersplitterten Straßenlaternen, die er durchstreunt, mit so einer Weltenherrscher-Erhabenheit im Bauch.

Überhaupt der Bauch. Der Mann in mir hat selbstverständlich einen Bauch. Einen Bauch voller Sehnsucht nach Geborgenheit. Und Schultern à la “Gewöhn’ dich nicht zu sehr an mich”. Er ist der, der morgens aufsteht, die Tränen runterschluckt und dem Tag eine Chance gibt, verdient oder nicht.

Gestik

Nur der Klatschmohn war Zeuge

Der Klatschmohn und du, der du die Nacht mir um die Ohren schlugst, wieder und wieder, bis Tränen rußverschleiert mir über die Schulter linsten. Die Leere in mir wuchert. Essen ist nicht die Lösung. Nichtessen leider auch nicht. Rennen hilft kurzfristig. Kochen gerade mal über die nächste Stunde hinweg. Ein Abend mit Freunden sichert immerhin das Einschlafen, das Lächeln des Eisverkäufers hilft. Aber es bleibt dabei: Das Wimmern hat wieder Saison. Dabei waren wir eigentlich für anderes verabredet gewesen. Nicht nur einmal, nicht zweimal, ewiglich.

Ein Satz genügt in diesen Zeiten und die Bitterkeit tut das ihrige stande pedes dazu, verkrümmt die Fingergelenke, furchtet Falten, senkt den Blick, lässt Angst zu. Der Boden weicht, die Verzweiflung kriecht aus dem Gedärm die Kehle hinauf, belegt, engt, kratzt, nimmt Atem. Lebenswichtigen Atem. Umnachtet. Und der Sommer schweigt. Schweigt und bastelt Wolkentürme in den Himmel, den ich mir blau wünsche und erdbeerrot am Abend. Nicht voller Gießkannen jedenfalls und nicht grau.

Nicht aber in dieser Nacht, in der der See ruhig lag, fern von glücklichen Familien, keuchenden Joggern und versöhnungswilligen Pärchen. Nichteinmal Angler waren zugegen, nur ich und der Mohn und in meinem Kopf dieses Du, das sich nicht ansprechen ließ. Nicht mit Kosenamen, nicht mit Nachnamen, nicht durch dieses Grau hindurch. Nach zwei Runden um den See bin ich bereit, dich wortlos zu umarmen, ohne Ansprache, nach dreien reicht mir ein Blick, nach vieren gehst du. Endlich. Und ich laufe die Stunde zurück wie auf Marshmallow-Tränen, dem schüchternsten Sonnenaufgang diesen Jahres entgegen.