Gestik

Musenkater an Lammfellpesto

Ich möchte dir so gerne etwas Zärtliches schreiben, etwas Angedachtes vorlesen, etwas Wildes unter die Fußsohlen impfen.
Möchte dir ein paar laternenlüsterne Zeilen zwischen die Schulterblätter flüstern, tränennass.
Möchte dir Düfte hinters Ohrläppchen tupfen, vom ersten Eis in der Märzsonne, von Frühstückskrümeln im Bett und Espresso bei Angelo.

Ich möchte dich so gerne spüren lassen, was meine Fingerkuppen zu erzählen haben, öltrunken, beidseits der Wirbelsäule, doppelt hält besser. Dir das Ziepen nehmen und mir die Angst. Dafür Ankunft schenken, Zutrauen und Nacktheit. Mut. Und Nähe. Nähe, Zukunft und das L-Wort für ein Wir, das nicht tot zu kriegen, vernarbt bis hinten gegen, aber mit der Kraft zweier Seelen getragen über jeden Horizont. Morgenschöpfend und noch der kältesten Mitternacht ein Lammfell abtrotzend.

Ich möchte nicht müde werden. Ich möchte trauen, vertrauen, zutrauen. Mich wundern und weiten und dem Happy End einen Finger entgegenstrecken. Was sag ich, eine ganze Hand, den ganzen Arm. Mich.

Gestik

Und dann, November?

Und dann sitzt du da mit beiden Beinen baumelnd und der Tisch vor dir lächelt bienenwachstrunken und du hast beide Arme nackt im Schoß und weiß nicht wohin mit deinen verschorften Händen und packst sie versuchsweise tief unter die Schultern, da wo die Achseln Höhlen gegraben haben, aber es fühlt sich nicht ein Daumen wohl, nicht ein kleiner Finger. Und so lässt du die Hände wieder sinken und hebst stattdessen den Blick erstmalig auf und dann sogar über die Tischplatte hinweg, folgst der Maserung mit deinen Augen bis dein Blick kurz vor der Tischmitte ins Wanken gerät und verzweigt. Und wären da nicht wimperne Alleen beidseits des Lids, die ihm Rückendeckung geben und Kontur, wäre er sicher gänzlich vom Wege abgekommen und hätte sich zwischen die Tischbeine gemogelt. So aber ankert er nahe der Tischkante, da wo das Wachs einst einen Tropfen formte, da wo das Weinglas gerne zu kippeln beginnt, da wo du sonst immer den linken Ellbogen parkst.

Und dann hörst du, wie sich die Stille mit der Oberflächenspannung in deinem Teeglas paart und winzige Salbei-Aromen Wüstenträume schmieden. Meinst du zu hören. Denn eigentlich ist das längst Traum und du bereits mindestens zwei Meter tief im Innenohr versackt, hast dich in den Schatten der Felsenbeinpyramide gekuschelt. Sucht mich nicht, hast du in Braille gebeten, hörbar für jeden, dessen Fingerkuppen dich zu finden sich aufmachten in diesem November, der dreifachen Nebel bestellt und fünffachen ausgeliefert bekommen hat. Der deine Spuren statt zu verwischen in Nummernschilder eingraviert, deine Bilder schattengleich an fensterlose Häuserwände wirft und deine Wärme mit Chilischoten aufzuwiegen sucht, während du deine Fußsohlen in das Spiegelbild des Tisches auf dem birnenhölzernen Parkett stemmst.