Gestik

Nur der Klatschmohn war Zeuge

Der Klatschmohn und du, der du die Nacht mir um die Ohren schlugst, wieder und wieder, bis Tränen rußverschleiert mir über die Schulter linsten. Die Leere in mir wuchert. Essen ist nicht die Lösung. Nichtessen leider auch nicht. Rennen hilft kurzfristig. Kochen gerade mal über die nächste Stunde hinweg. Ein Abend mit Freunden sichert immerhin das Einschlafen, das Lächeln des Eisverkäufers hilft. Aber es bleibt dabei: Das Wimmern hat wieder Saison. Dabei waren wir eigentlich für anderes verabredet gewesen. Nicht nur einmal, nicht zweimal, ewiglich.

Ein Satz genügt in diesen Zeiten und die Bitterkeit tut das ihrige stande pedes dazu, verkrümmt die Fingergelenke, furchtet Falten, senkt den Blick, lässt Angst zu. Der Boden weicht, die Verzweiflung kriecht aus dem Gedärm die Kehle hinauf, belegt, engt, kratzt, nimmt Atem. Lebenswichtigen Atem. Umnachtet. Und der Sommer schweigt. Schweigt und bastelt Wolkentürme in den Himmel, den ich mir blau wünsche und erdbeerrot am Abend. Nicht voller Gießkannen jedenfalls und nicht grau.

Nicht aber in dieser Nacht, in der der See ruhig lag, fern von glücklichen Familien, keuchenden Joggern und versöhnungswilligen Pärchen. Nichteinmal Angler waren zugegen, nur ich und der Mohn und in meinem Kopf dieses Du, das sich nicht ansprechen ließ. Nicht mit Kosenamen, nicht mit Nachnamen, nicht durch dieses Grau hindurch. Nach zwei Runden um den See bin ich bereit, dich wortlos zu umarmen, ohne Ansprache, nach dreien reicht mir ein Blick, nach vieren gehst du. Endlich. Und ich laufe die Stunde zurück wie auf Marshmallow-Tränen, dem schüchternsten Sonnenaufgang diesen Jahres entgegen.

Gestik

Erfahrung braucht Zeit

Und ich jede Menge Achtsamkeit, dachte er sich beim Treppensteigen. Vor kurzem war sein Team in ein anderes Büro gezogen, eine enge Wendeltreppe führt nun hinab zu seinem Arbeitsplatz, Chef und Küche sind nun zwei Treppen und einen Gang über den Hof entfernt, Tageslicht hat nur noch in Maßen Zutritt. Vielleicht arbeitet er deshalb wieder häufiger nachts, produziert Texte am zuverlässigsten nach 23 Uhr. Zugegeben, das mag auch an den mangelnden Kollegen liegen, kein Kickergelärme, kein Kekskrümeln, keine röhrenden Telefonhörer. Keine Blicke. Stattdessen: Zeit und jede Mengen Schatten. Und auf dem Weg über den Hof eine Begegnung mit dem Nachtwächter.

Aus Gleichgewicht entsteht keine Balance, summt sie und erschrickt beim letzten Ton über Aussage und Klang. So anstrengend ist das, was sie gerade als unerträgliches Ungleichgewicht empfindet und andere als ihr Leben bezeichnen. Überwältigend geradezu ihr Hunger nach friedlicher Balance, nach ausgeglichenen Comfort-Zonen. Nach Schokotalern und Käsebroten. Musik ist meist schon zu viel, weniger Musik in fast jedem Falle gleichbedeutend mit mehr Achtsamkeit, mehr Moment. Manche Töne werden gar wie Reifröcke wahrgenommen: dekadent, unpassend, aus der Zeit gefallen, mithin sogar lächerlich.

Man gebe mir ein Huhn und eine Axt, ein Whirlpool im Grünen und ein Gläschen vom einzig Wahren. Ein paar Augen, die das Hinsehen noch nicht verlernt haben und ein paar Füße, die der Luft nicht nur Wege sondern Treppen abtrotzen. Ich will noch nicht aufhören, ich will nicht Bitternis bunkern Tag für Tag und erst nächtens aufwachen, wenn weder Erinnerung noch Vergleich drohen und es nicht auffällt, das meine Haut beim schüchternsten Sonnenstrahl aufjault, waidwunder als jedes Reh. Ich will Erfahrungen anhäufen und Mut in Tat umsetzen.