Gegenwart

Die Kindheit des Horizonts

Die Kindheit des Horizonts ist eine nur selten erwähnte, meist tritt er in unserer Wahrnehmung und unseren Beschreibungen als Erwachsener auf, der seine Linie längst gefunden hat. Der sich in die Waagerechte eingefunden und zwischen Himmel und Erde sein in unseren Augen zweidimensional erscheinendes Zelt aufgeschlagen hat, in dem er alle unsere Sehnsüchte mit Grazie und Großzügigkeit beherbergt, der wir ihr kaum widerstehen können.

Wir vertrauen seiner dritten Dimension und, die Kraft, die ihr qua ihrer Unsichtbarkeit innewohnt, mehr noch als wir sie jeder ausgesprochenen Unendlichkeit glauben würden. Dass seine Kindheit, seine Pubertät prägende und von vielen Zweifeln und Ausbruchversuchen geprägte waren, wissen wir nicht, auch wenn wir es ahnen könnten, folgten wir mit unseren Blicken nicht nur seiner Horizontalen, sondern auch seinen Ausbrüchen ins Vertikale, nach oben und unten, blieben wir ihm treu in seinen Mulden und Bruchstellen.

Ließen wir die Unwägbarkeit zu, die das Abendlich ihm möglich macht, hielten wir ihm an den frühen Morgenden die Hand, wenn der Horizont selbst zu einem Sehnenden wird und sich Landträumen und Himmelsstürmen hingibt, von dem was möglich gewesen wäre, wenn.

Geliebte

Mit allen Wassern gewaschen

Havel Reflektio | © Anne Seubert

Du, sagt das Meer und der Ozean räkelt sich, rülpst Gischt und Wellen-Überbleibsel an einen abgelegenen Strand, einem satten Löwen gleich, der den Tag über gefrühstückt und nun auf den Mond wartet, der ihm eine Zigarre angezündet in den Mundwinkel steckt und eine großzügige Runde Abendrot ausschenkt.

Du, sagst du, ich mach das schon, nimmst all das, was Beine hat und Ufer ins Visier, fragst, welcher von euch sieben ist heute dran, und lässt die Wasser von der Leine.

Du? fragt sich der Himmel, zieht überrascht die Wolken auf seine Seite, fährt erstmal auf Sicht und incognito bis zur nächsten Halbinsel, lässt zwei, drei frühe Sterne Schmiere stehen, um sich dann doch von hinten in einer goldenen Umarmung alle Blaupausen aus der Hand nehmen zu lassen und im Horizont zu versinken.

 

Nota bene :Mit allen Wassern gewaschen? Der Ausdruck stammt aus der Seefahrt, mit den Wassern sind die Weltmeere gemeint. Ein Seemann, der alle Ozeane überquerte, lernte viele andere Länder und Kulturen kennen und konnte sich durch seine Erfahrungüberall behaupten.