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Ein Überangebot an Mensch

Beginners Flying | © Anne Seubert

Wir sprechen über die Zeit, er probiert sie aus, wie er jede Bühne betritt, auch wenn sie die Bretter offen trägt, den Orchestergraben stummgeschaltet. Mehr Drama geht nicht, eine tiefere Stille wäre vermessen. Wir wünschen uns alles Gute und geloben zu halten, was nicht versprochen wurde: Das Beste, die Zukunft und die Hoffnung, die ja immer erst als letzte gehen darf.

Ein Überangebot an Mensch begutachten wir aus der Ferne, ohne zu antizipieren, wie es sich damit lebt, als wäre Leben etwas  das gelingen könnte, wenn man nur emsig genug übt. Und dann hebst du plötzlich den Blick über den Wartesaal hinaus ins Sprechzimmer, lässt synchron alle unsere Knie zittern, und mich auferstehen.

Immer eine Handvoll Zärtlichkeit unter der Fußspitze, klingt das Halleluja auch in der leeren Kirche voll, macht ein Amen möglich und das nötige Übel sich zu einem Weg zusammenfinden, der uns gangbar erscheint und weit genug, um davon abzukommen. Der Sturm ruht, als du die Arme endlich öffnest und uns willkommen heißt, und dann wagt ein Licht sich ins Dunkelblau deiner linken Augenpartie und eröffnet eine Zweigstelle: Schach by first sight.

Geliebte

In der Trommel: Alle meine Vaterlose. Und Du.

Du lachst schon als ich gerade mal Luft geholt hatte, bereit zu einem Votrag anzusetzen, der deine provokativ inszenierte Souveränität ordentlich durchpusten wollte. Und dann dieses dein Lachen, der sowohl mich als auch dich umarmt, und die inhaltliche Ebene kurzerhand aus den Angeln hebt.

Worum stritten wir gerade? Ich setze erneut an, und weiß doch, egal wie neugierig du auf mich bist, egal, wie deutlich du nachfragst, du willst es nicht wissen. Du willst mich nicht kennenlernen. Du willst nicht mich kennenlernen. Nicht weil du es nicht möchtest, sondern weil ich dich nicht lasse.

Du sahst nicht nur gut aus, du strahltest eine Art von Macht aus, die mich ansprach. Wir fielen uns auf. Ich mochte deinen Geruch; sagtest du später mal, vom ersten Augenblick an. Das hat mich erst irritiert, denn in den ersten Augenblicken, was sag ich, Stunden, lagen mehrere Meter mit Menschen und ihren Düften zwischen uns.

Du konntest mich also gar nicht riechen, las mir mein Hirn die entsprechenden physikalischen Grundgesetze vor. Der andere Teil aber wusste, wir konnten uns nicht nur riechen über all die zwischen uns hinweg, wir erlegten und erlagen einander. Und das zu einem Zeitpunkt, da waren unsere Hirne noch nicht einmal hochgefahren, geschweige denn Herren der Lage.

Du ließt mich 16 Jahre hängen, 16 lange Jahre, möchte ich schreiben und tue ich mich schwer damit, in der Furcht, die Verantwortung auf die Frage, von der ich nicht weiß, wer sie stellen könnte, zu übergehen. Dabei sind es mittlerweile 42 mit minimalen, punktuellen, unfreiwilligen und mittlerweile quasi verjährten Unterbrechungen, mit Dates, die nicht stattfanden, Liebesbriefen, die unleserlich und Anrufen, die nicht entgegengenommen wurden.

Lorbeer mein Rosenkranz, Anis mein Komplize, es wird Wein geben, das weißt du so gut wie ich.