Gegenwart

Alles auf Gleis Eins

Land in Sicht | Anne Seubert

Du suchst die Gefahr in mir, wo ich auf Sicherheiten lausche.
Du willst den Himmel, wenn ich Boden schaffe.
Du wünscht dir ein paar Schatten an Bord, ich hungere nach Licht.
Du gibst mir nach, wo ich vorfühle.

Auf links getragen zeigst du dich inwendig bescheiden.

Ich öffne deine Wunde vorsichtig.
Du stillst meine Sehsucht heimlich.
Ich lerne das Wachen täglich.
Du sortierst die Noten nachträglich.

Ich lege die Noten ins Nähkästchen, säume deine Kummerbündchen und webe uns ein Stück aus roten Fäden only. Morgen ist auch noch ein Tag, weiss dein Telefon und ich lasse es trotzig fünfmal klingeln, bevor ich das nächste Lied auflege.

Frühstück im Bett fordert dein Blickf zwischen zwei zu spät gekommenen Wimpern.

Mit dem ersten Laut machst du deutlich wie wichtig dir Rhythmus und Takt. Als du mein Glas füllst und den ersten Schluck nimmst, ahne ich, wie es sich anfühlt von dir berührt zu werden. Kurze Zeit später ist es soweit: Wir machen es wie bei den Fiakern und nehmen das erste Zeichen, das kommt.

Ich liebe dich wöchentlich.
Du sagst es mir sonntäglich.
Ich wundere mich ehrlich.
Du birgst mich brüderlich.

Erst das Wunder dann die Natur.

Du wirst die Wellen nicht stunden, die das Leben dir bricht. Du wirst nicht brechen unter den Stunden, die der Himmel dir vorschlägt, morgens, mittags oder gar abends. Du wirst die Nacht teilen mit einer, die das Licht duzt und den Horizont Gassi führt.

Allgemein

Morgenroutine

Während mein linker Daumennagel noch überlegt, ob er und wenn ja, wie tief er einreißt, warte ich, dass etwas vorübergeht, dessen Namen ich noch nicht kenne. Es könnte ein Gewitter sein, ein Schmerz, ein Sehnen und bleibt ob aller Wucht ungefasst. Der Riss manifestiert inzwischen, meinen Nagel spürbar teilend und eine hörnerne Wunde offenbarend, die so schmerzlos und leise, nachhaltig irritiert.

Während mein rechtes Augenlid bereits mit dem Tag flirtet und meine Augen dem Licht auf die Spur zu kommen versuchen, bleibt meine Zehe unter Deck, will heißen: unter der Decke. Das Licht ist schüchtern an diesem Morgen, oder träge, in jedem Falle möchte es den Raum nicht betreten, in dem ich warte, dass die Nacht endet und der Tag beginnt. In dem ich aufgebahrt liege, geradezu passiv, dabei weiss ich wohl, dass sowohl der Tag als auch die Nacht beides sind: Eroberte und Erobernde.

Während meine Hüfte die beiden Knie anruft – Video ist um diese Uhrzeit keine gute Idee – lacht sich mein Bauch bereits ins Fäustchen. Er weiss, was er heute will und wie er es bekommt. Die Knie aber räuspern sich erstmal ausgiebig, es ist kühl geworden und als Gelenk weiß man wärmende Ruhephasen zu schätzen, was nicht heisst, dass sie nicht aufbruchsbereit sind. Die Hüfte morst erste Aufträe. Strecken, Legen, Lockerungsübungen und Wellen. Als wäre man beim Friseur, scherzt das linke Knie und dreht seine Scheibe versuchsweise zwei Minuten weiter.