Gegenwart

Das Meer duzt meine Haut

Das Meer atmet | © Anne Seubert

Das Meer atmet schwer heute Nacht
ein Wind der nicht von Süden kommt
duzt meine Haut
Adel hin oder her
dein Schachzug war einer mit Verspätung erster Klasse
Eingestiegen bin ich.

Deine Inseln waren auch schonmal zugänglicher
lacht dein Augenwinkel und legt die Wimpern auf Kante
könnte ja jemand vorbeikommen
der das zu schätzen weiss und nicht einfach nur Sturm läutet

mein Kleid zeigt Knie so weit die Stiefel Einblick gewähren
singen kann ich selbst,
die Noten aber liest du und lässt den Schlüsselbund die Tonart bestimmen
Ich lehn mich an die Stelle, die du auswendig kannst
by heart sagen die Engländer.

Ich atme als wenn keiner zuhört
werde das Meer einer Insel im Sturm
die deinen Vornamen, das Zittern der Sterne
und deine Sehnsucht auf Händen trägt.

Gegenwart

Wenn der Herbst dreimal klingelt

Türöffner | Anne Seubert

Der Himmel hält galant die Tür auf, doch die Wolken genieren sich. Lieber diesen Herbsttag noch mitnehmen, dem Laub beim Fallen schöne Augen machen, ein paar Tränen fallen lassen, wenn keiner hinschaut und ansonsten mit Berliner Luft cornern und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen.

Das Licht kann sich nicht entscheiden, Fisch oder Fleisch und welcher der 17 Grautöne, aber Grau ist Ehrensache nach dem letzten Style-Coaching, man ist schließlich keine 17 mehr. Die Falten fallen tatsächlich weniger auf, die Kanten plötzlich wachsweich und der Horizont nur einer von vielen Möglichkeiten.

Der Herbst nörgelt, so hätte er sich das nicht gedacht. Er bangt um seinen großen Auftritt, hatte die Indian-Summer-Federboa bereits entstaubt und parfümiert und die Laubbläser engagiert. Nun aber heisst es auf leisen Pfoten einschleichen, en passsant Kastanien hinterlegen, nicht zu viel Aufhebens bitte und lieber rasch dem Winter das Nummerngirl machen.