Gegenwart

Dritter Aufguß, links

Und der See lud den Himmel zu sich | Anne Seubert

den kampfanzug in die reinigung geben, den alltag ins home office, die to-do-liste ins eisfach – die sehnsucht hat plötzlich sturmfrei im büro und hält dem milchschaum die tür auf. noch ist sommer.

wohin willst du mit mir gehen, wenn die zeit da ist, will ein blick mehr wissen, als ihm zusteht.

die fragen reichen spontan unbezahlten urlaub ein, der baum vor dem fenster lässt es nochmal krachen, das vokabelheft hat das alphabet übers wochende verlegt – dein blick aber sucht nicht lange, bis er ruht.

wer, wenn nicht du, wasser, wagte meine wange zu benetzen?

das happy end in frührente wissend, lächeln sich die zeilen ins fäustchen, planen den umbruch und verlangen noch kauend nach der nächsten pointe.

es wird tee geben, erzählt uns deine geschichte, und der see lädt den himmel zu sich, wolken vernaschen!

Gelage

Als die Welt erschaffen wurde, hatte Gott kein Alibi

Schmaus | Anne Seubert

Als die Welt erschaffen wurde, hatte Gott kein Alibi. Adam und Eva waren fein raus, sie waren noch nicht erfunden, nur Gott stammelte was von Sieben-Tage-Deadline, sich widersprechendem Briefing und knappem Budget, und drehte den Spiess dann um: Noch nie was von Design Thinking und Sprints gehört? Iterative Prozesse, My Lord!

Die Wellen lächelten müde und verzogen sich an einen Strand, der dem Sommer gerne die nackte Schulter zeigte, die Wellen aber regelmäßig im Regen stehen ließ. Heute aber hatte er Tag des offenen Meeres und gab den Dünen frei, schmiss eine Runde Sonnenstrahlen und drei Fässer Gischt. Es wurde ein langer Abend, der bis in den Morgen reichte und die Nacht mehr als einmal zum Bleiben aufforderte.

Frühstück ans Bett war gewünscht, aber der Roomservice war noch in Elternzeit und so servierte Gott den Garten Eden als Tischgebet mit frischer Minze und nach Mekka ausgerichteten Minzblättern selbst. In den Reis hatte er Safran gebacken und die Feigen gabs zur himmelgemachten Limonade an Blattsalat karamellisiert.