Gelage

Avocadokirschkern an Fingerkuppen

Kerne pflanzen | © Anne Seubert

Das Grün in deinen Augen suchen. Und als Flaschengrünton nahe dem Petrol ganz oben links im Wimpernschatten finden.
Deine Textunsicherheit feiern. Jede unbetont gebliebene Silbe. Heimlichst.
Deine Stimmlage abheften. Doppelter Faden. Lagerfeuer.
Deine Nordwand anklettern, um dann doch an deinem Südhang die Beine auszustrecken.
Deinem Gras beim Wurzeln zuhören. Krume für Krume.

Deinem Schmunzeln ein Dinnerdate verschaffen. Ehrensache!
Deinem Fingerspitzengefühl Fäustlinge stricken, Merino und Rohseide für die Kuppen.
Deiner Zukunftsangst die Luft rauslassen, was sag ich, das Rad klauen.
Deiner Zartheit einen Adventskalender basteln. Mit Gänsehaut.
Deiner Stille ein Schloss auf salzigem Sand bauen mit Ziehbrücke und Blick auf den Strand an meinem Meer.

Deinem Ohrläppchen ein Fingernagelpröbchen schenken, eins, das so schön kitzelt, bis du grinst.
Deinem Ellbogen einen Pfeil schenken. Mitohne Köcher.
Deiner Ferse Trinkgeld geben, 15 Prozent plus alles, was sich auf’s Fensterbrett stapeln lässt.
Deine Unterarme entlangstreichen bis alle Kurven ad acta gelegt und alle Finger knietief im Kaffeesatz stecken.
Deinen Avocadokern erst auslöffeln, dann ablutschen, dann einpflanzen. Dann ernten. Gemeinsam.

Manchester Orchestra hören. Laut.

Gemäuer

Zeit des Kragenknopflochs

Der Atem zögerlich, die Beine Perserteppichen gleich ein gewebtes Mosaik eingefärbter Wollfäden: ins Stocken geraten, in die Fläche gedrungen, aller Dimension verlustig gegangen, der nächste Schritt einer der unmöglich. Der rechte Fuß dem linken fremd, zwischen ihnen eine Sturmflut brandend, kein Ufer in Sicht. Schenkel, die zittern statt halten, Knie, die ihrer Rolle fern zu Schildern mutieren, durchgedrückt bis an die Wand, die mehr Vermutung denn Architektur, und eine Hüfte, die alle Schlösser schließt, seien sie auf Sand, Stein oder Mutterkuchen gebaut.

Der Schlaf einer, der des Träumens überdrüssig, einer, der fragt bevor er das Fenster öffnet auch wenn ihm bei geschlossener Tür die Erschöpfung ins Gesicht geschrieben scheint: Augöffnungen als Zeugen eines Kopfes, dessen Leere hallt. Dessen Ufer brackiges Wasser zur Schau stellen um die Trockenheit zu vertuschen: Notdurft Smalltalk.

Der Blick einer, der bei Ankunft heilt. Doch Heilung etwas für Turteltauben, erwiderst du mit Blick auf das Kopfsteinpflaster, öffnest deine Wunde und legst die Mähne aufs Schafott: Aufgeben wieder als Aufgabe wahrnehmen, den Seitenstrang bloßlegend, den Nacken offen tragend: Es ist die Zeit des Kragenknopflochs, das die Nelke trägt auch und gerade wenn der Knopf längst verloren: Die Revolution am Revers und das Revers an der Reissleine.