Gelüste

Tanz unter dem Gewölbe der Gezeiten

Einsame Herbstlandschaft im Nebel, Thön | Anne Seubert

Behutsamkeit streiche ich mir auf die Lippen, bevor ich den Mund aufmache. Möge sie die Worte weich werden lassen, das Tal zu fluten und den Berg deiner Gedanken baden gehen lassen unter dem Blick eines Himmels, der noch lange nicht gezähmt die Wolken tanzen lässt statt die Stirn zu runzeln. Behutsam legt der Regen mir seine Tropfen auf die nackte Haut, jede einzelne eine Geschichte vom Wasser zwischen den Inseln, zwischen Ebbe und Erde, Himmel und Flut.

In Wellen legst du das Meer, bevor du deinen Fuß aufsetzt und den Himmel zum Tanz unter dem Sternengewölbe aufforderst. Deinen Fuß, der der Zehen fünf, der Worte nicht eines parat, fragt man ihn, wer hier Weg, wer Woge, wer Wasser. Dein Fuß, der den Tanz unter den Nägeln brennen lässt und die Wellen den Ton angeben: Ein Rauschen, so zart, dass der Himmel sich die Ohren zuhalten möchte nur um dann doch zu lauschen und sich hinzugeben, bis alle Wolken im Takt.

Dick Nebel aufgelegt, stecke ich mir beim ersten Schritt die eigenen Floskeln ans Revers, den Wegweiser auf Shuffle und den Wald auf Snooze. Möge der Wind uns holen und um die nächste Ecke bringen, wo die Musik spielt und der Boden ein Wellenbad aus Moos und Tannenspitzen. Behutsam nimmst du die Hände aus den Taschen, legst Wasser nach und den Nachmittag in unsere Arme.

Gedanken

Trust Your Local God

manchmal muss man fliegen lernen, um wieder boden unter den füßen zu finden.

manchmal muss man das “wie geht es dir eigentlich?” als “darf ich mal kurz erzählen, wie es mir ergangen ist?” verstehen.

manchmal ist der montag ein sturmtag, auf den der blitztag vor dem donnerstag folgt, bevor am sonntag alles wieder eitel sonnenschein.

manchmal braucht dich der moment mehr als die zeit danach.

manchmal steckt in “scharf wie eine rasierklinge!” keine anmache, sondern ausdrucksarmut ob der adhoc empfundenen verbundenheit.

manchmal wiegt das tal schwerer als alle berge, stellt der tag noch die heiligste aller nächte in den schatten.

manchmal bist du wahr und manchmal nicht einmal ausbuchstabiert.

manchmal tut alles weh, was da ist, alles, was du aufheben möchtest, verschwindet. und alles, was bleibt ist dir fremd, wirkt unangezogen und meilen zu groß. und dann geht die sonne unter und der schatten zeigt dir so freundlich wie bestimmt den weg über den eigenen horizont hinaus, durchs herz der finsternis hindurch, in ein morgen, der auf frischen laken erwacht.

manchmal ist das lied eines, das tröstet, manchmal ist es der text, der ton, das timbre. und manchmal bist du es, die singen möchte.