Gelüste

Atemzug an Gleis 9

Cafe Futurium| © Anne Seubert
Neben Kaffee sieht selbst die Zukunft alt aus.

Du meidest mich freundlich.
Ich erde dich heimlich.
Wir wagen es endlich.

Zwischen den Zeilen steht das Glück in Flipflops und kurzen Hosen und reicht seinen Urlaubsantrag ein. Das Glück weint nicht, die paar Tränen kommen vom Staub, den die Vorfreude aufgewirbelt hatte, die du im Handgepäck führtest. Der Strand wartet am Gepäckband in einer Runde Lifeguards, gewohnt selbstsicher, sich eine Zigarette drehend. Unwiderstehlich oldschool.

Er flüstert es willentlich.
Sie verrät ihn zärtlich.
Es beschäftigt sie stündlich.

Die Zeit hält ausnahmsweise die Füße still und fächelt dem Christkind geistesabwesend Schnee unter die rostigen Kufen. Der Herbst will es nochmal wissen, häuft Laub an und lässt das linke Hüftbein rotieren, immer dem rutschenden Kniestrumpf entgegen und den Kick gen Regenrinne, so vorhanden. Es wird, weiss der Himmel, und lässt die Wolken fallen.

Sie lieben sich gründlich.
Ihr verteidigt uns leidlich.
Wir bleiben es, ehrlich!

Die Erde aber öffnet all ihre Gemächer, versiebt den Sand zum 55. Mal, auf dass er streichele, was bislang unberührt. Fährt Düfte auf, Aromen und Geschmeide, so dass das Wort nicht nur gesprochen, sondern gelebt. Die Wasser schmiegen sich an Länder, die Inseln blühen, wo immer es ihnen beliebt. Und die Ferne zieht sich ein paar Berge groß, grün und wild gelockt, von Bariton bis Bass, auf dass die Nähe vibriere, bei jedem Anblick, bei jedem Atemzug, der an Gleis 9 zu stehen kommt, um zu verweilen.

Geliebte

Schatten, Licht und Sterne

Schwarzlicht | c Anne Seubert

Unter dem Schatten trägst du das Licht, das der Stern übrig ließ, als er sang- und klanglos versank. Unter dem Lid trägst du die Spreu vom Weizen, bei jedem Blinzeln den Hauch einer Ähre preisgebend, aus Sand gebaut. Unter dem Rock aber trägst du die Scham, wie einen blinden Passagier, der nicht aufs Klo darf.

An der Wand lächelt die Zuversicht spröde zwischen Raufaser und Fensterrahmen ein Stück Mauer bloßlegend. An der Tür erst fragst du nach meinem Namen und klingelst dann doch nicht. An der Schenkelinnenseite entlang führst du deine Träume über Bande und brichst uns dann doch übers Knie, Scheibchen für Scheibchen.

Im Kreis drehst du dich auf die Seite und findest den Uhrzeigersinn neben dir schlafend. Im Schlaf sprichst du die Sprache der Sterne, verführst die Nacht unter die Decke und hälst den Schatten in Schach. Im Grunde schläfst du besser im Dunkeln, aber das Licht hält die Träume wach.