Gegenwart

Schatten, Schere, Grünschnitt

Grünstich | © Anne Seubert

raketenstart hingelegt, den planet b im visier,
um dann im landeanflug erst fahrt aufnehmend
den himmel links liegen zu lassen
und mit der notbremse zu flirten.

den zweifeln halt gegeben, dem ziel eine abfuhr
der gegenwart fersenfeuer und dem traum eine suite:
um einen horizont lungernde wolken, ein meer aus blütenblättern
und eine ottomane am fenster

im taumel ein glas zu viel getrunken,
eins auf ex
eins mit dem nachbarn
und eins gegen den durst,
der sich die stille schnappte und zum tanz entführte.

endlich gewicht abgeworfen, dann das kleid und den schild abgelegt,
das telefon lautlos, den rückwärtsgang außer gefecht
boden locker gemacht für eine ankunft unter sternen,
deren krume ausreichend luft nach oben lässt.

grün sein, allen neunen und dir,
der sonne auf dem heißen blechdach
und dem schatten, den du mir in den schoß wirfst.

Geliebte

Da wo der Flieder blüht

May Date | King of Prenzlauerberg | © Anne Seubert

Da wo dein Hüftbein Schlange steht, sucht mein Finger eine Bleibe,
bleibt wo dein Herz sich gerade warm zittert,
verlegt vor Freude die Angst,
zwischen Weidenkätzchen und Waldrand,
Giersch und Gundermann.

Das Licht hält inne, sucht die Tiefe.

Am Ufer deines Traums also ein Lager aufschlagen,
Seitenstraßenmusiker, ein Obdach auch dir,
ich habe uns Blumen mitgebracht–
Lippenblütler, die blühen auch im Dunkeln –
solltest du wider Erwarten die Augen aufschlagen.

Der Flieder duftet und verführt die Stille.

Dein Traum aber hat Wurzeln geschlagen,
webt zeilenweise Sonnenküsse zwischen Briefe,
die noch nicht geschrieben, und lädt den Nachmittag
zu einer Spritztour über Land.

Die Stille summt ein Lied, das keine Strophen.

Was du jetzt wagst, wird Spuren in die Erde schmiegen,
wird Fenster sich zur See hin öffnen lassen, flügelweit,
wo bislang das Land am Ruder war.