Gegenwart

48 Stunden 38 zum 28sten

Wenn alles anders kommt und du vor lauter Tränen den Weg in den Tag kaum mehr findest.
Wenn die Stunde 0 mit einer Einladung zur Begehung der ewigen Gelübde beginnt.
Wenn zum Frühstück Said auf dich wartet und Worte hat, die dein Gedächtnis ins vorgestern, übermorgen und zurück tragen, mühelos.
Wenn der Kreislauf im Quadrat springt und der 1,60 große Arzt dich liebevoll “Kleene” nennend zum Darniederliegen bringt.
Wenn du den Ehrentag in einer Einrichtung für Invaliden begehst.
Wenn zwar draussen Frühling ist, aber in dir nur kalt.
Wenn du später mit einem Rezept für Insulin in die Apotheke gehst und die Apothekerin denkt, du hast das falsche Rezept dabei, weil du “so krank” aussiehst.
Wenn du nicht weisst, wohin mit dir, weil die eigene Couch besetzt.
Wenn dein Vater dich von der Piste aus anruft und du ahnst, da ist was im Busch und dann ist der Busch lichterloh in Flammen.
Wenn dann beim Kunden, die Kundinnen dir mit erhobener Skepsis begegnen, Kaffee wie Tee anbieten und dir nach 2 Stunden Lachen und Planen plötzlich vertrauen.
Wenn du mit der Projektpartnerin noch auf einen Drink ins Hotel nebenan willst, ihr euch im Eingang irrt und stattdessen im Seniorendomizil endet.
Wenn die Hotelbar dann doch noch gefunden wird, und dir die Projektpartnerin spontan eine Cola Zero und ein zweites Projekt anbietet.
Wenn du im Dunkeln nach Hause kommst, und die Untermieterin zum Abschied alles blitzblank geputzt hat.
Wenn du statt mit allen Lieben um dich, schließlich mutterseelenallein die Suppe löffelst, die du dir aus Lieblingszutaten eingebrockt hast.

Wenn dann im Eisfach überraschenderweise ein Kilo Eis vom letzten Sommer wartet, dann erwischt dich das neue Lebensjahr eiskalt mit Erdnusskaramell.

Gelüste

leibchen, gefältelt

da wo dein leib falten schlägt, in die stille sich gräbt, die du dir zu eigen gemacht hast, da halt ein. mit bloßen knien halt einzug, verschorften knöchels, das haar nachlässig zwischen ohrmuschel und kopfhaut geknöpft, als halte es, was du versprichst.

halt zwei minuten dir warm zum auf der faulen haut liegen, immer zwei mulden auf einmal zum schauern bringend. halt die ohren steif, auch wenn du schmelzen möchtest beim bloßen erspürens des knöchernen alter ego, unter meiner haut.

halt still, leg die zeit beiseite und den blick, lausche tiefer, zärtelnd, da wo sonst nur schweiss, schwer atmend auf einsame poren trifft, sei sacht, passiv, fürchte dich nicht. atme, deinen mutiger werdenden leib über meinen streichend, falten schlagend.