Gestern

2014 – Vom Winde verweht

Wenn die Erinnerungen an ein Jahr den Notizblock sprengen, den Druckbereich seitenweise überschreiten, die Stirn in Falten legen, dann spätestens ist Zeit für den Blick zurück, dahin wo der Januar die Augen aufschlug und ich vorwitzig bemerkt hatte “Nackte Erde”, sagst du und ich: “Tango”.

Auch dieses Jahr ist mir der Mek zuvorgekommen und ich sag es lieber gleich: Der Tango hat in diesem Jahr nur eine Stunde abbekommen, das Gluten kaum einen Bissen, 2014 war ziemlich viel und am ehesten vom Winde verweht. Und sonst so?

Januar
Den Januar habe ich grösstenteils im Bett verbracht, der trimalleolaren Fraktur sei Dank. Das Lächeln zeigte plötzlich ganz schön Zahnlücke und die Frusttoleranz wusste wieder um ihre Grenzen.

Februar
Im Februar dann wurden Ängste gezähmt und es ging sich wieder auf Krücken nach Warschau, Wadenbeinseufzer entziffern und Placki ziemniaczane.

März
Im März gab es Nachschlag mit Blick aufs Meer – die kalifornische Küste hatte an Land gerufen, ich wollte nicht länger schwimmen und bestand auf Ganzkörperkontakt.

April
Im April war ich das erste Mal seit langem wieder auf einem Punkkonzert. Der große Bruder am Schlagzeug und ich in der ersten Reihe. Mit Tränen in den Augen.

Mai
Im Mai war Republica und – nicht kausal damit verknüpft – Zeit für Identitätskrisenwonnen.

Juni
Im Juni gab es Wildschweingulasch und Quittengelee, einen Monat lang, ihr zu Ehren, die die Welten wechselte, pünktlich zum 95. Die Badische Zeitung würdigte unser beider Leidenschaft, ich den Schwarzwald.

Juli
Im Juli wurde viel getanzt, erinnere ich mich, barfuß u.a., Lippe an Lippe, Tango auch und Kasatschok.

August
Im August waren endlich die Feigen dran und wir pflückten die eben erreiften, hellgrün klebrigen an der dalmatischen Küste, verliebten uns in Ajvar und das Leben im Olivenhain; die Finger schwarz vom selbstgebrannten Walnussschnaps.

September
Im September wurde Club Mate gehuldigt und ich lernte Brandenburg. Ein ganzes Wochenende lang Spazierengehen ist möglich und immer wieder empfehlenswert.

Oktober
Im Oktober durfte ich den San Bernadino nocheinmal knutschen, endlich einen Fuss auf die grüne Insel setzen (und mit den Wikingern Dublin erobern). Und einen weiteren Traum wahr werden lassen: Auf der Frankfurter Buchmesse dem Buch als langjährigstem Freund huldigen, seiten-, was sag ich, stapel-, ja gängeweise. Und Bruce Willis war Zeuge.

November
Im November wurden drei meiner täglichen Worte in Kunst, Stahl und Druckerschwärze verpackt und auf Papier gegossen: Leise Vergnügungen galore!

Dezember
Im Dezember durfte ich mich einmal über den Markt und zurück naschen, mit Peer Kuszmagk um die Wette krümeln, Enie van de Meiklokjes mit Gewürzkeksen verführen und halleluja!

Mir selbst nämlich durfte ich einen meiner ältesten Kindheitsträume erfüllen: Postkarten von Feuerland verschicken. Davon würde ich ehrlich gesagt am liebsten noch ein paar mehr schreiben.

Generika

Wo die Erde Feuer fing

Wir gehen deine Straße entlang, Señor Magellan, ganz ohne Schwimmflügelchen, mit Skihosen, den Wind heute mal im Rücken. Die Hände tief in den Taschen, zieht sich die Wirklichkeit sichtbar Advent für Advent weiter zurück, kriecht in Schluchten so tief, dass das Licht Abstand hält, schnalzt schüchtern mit den nackten Schultern und lässt den Gletscher kalben: Martialischer, der du alles bist aber unnahbar. Der du das Moos wandern hörst, den Löwenzahn sonnengelb zubeissen und den Basalt mit bloßer Faust zum Bersten bringst. Mehrmals täglich.

In Moränen schwelgend zu deinen Füßen das Ende der Welt, wo die Erde einst Feuer fing und heute lässig ein bis zwei Geschichten zwischen sonnenuntergangsbestäubten Wimpern bereit hält, Geschichten, Mütter der Wahrheit wie Borges sie nannte, Trost der Suchenden und Gejagten, die Wahrheit verzehrende. Sie, die uns abhanden und immer wieder aufs Neue auf die Füße fällt, hat hier Inseln an Land gelockt, zwischen Vorspann und Final Curtain, im Chor Schulter an Schulter die Gischt, der Horizont und drei Seelöwenbabies.

Einer hat immer noch Worte, schreibt, denkt, liest zwischen den Zeilen. Einer ahnt, wo ich weile, weiss, wo mein linkes Ohr sich zur Ruhe bettet, mein Hüftbein seinen Schatten wirft. Auf dem Weg übers Eis hat er Fragen verbuddelt, multiple choice zumeist, wegweisend manchmal, nährend fast immer. Fragen mit Namen, die Du sagen & mich meinen. Fragen, die brennend Blasen schlagen, treffsicher zwischen Kniekehle und Achillesferse, zwischen Kap und Käsefondue und auch vor dem Feiertag nicht innehalten. Warum auch!