Gelage

Bis zum Knie und dann links

Dort, wo dein Knie eine Kurve nach der anderen schlägt, ganz Goldkante und samten im Abgang, das Kapitelbändchen sich nachlässig um die Scheibe geworfen, dort möchte mein Daumennagel Anlauf nehmen, deinen Atem aus der Reihe tanzen zu lassen und mich mit ihm: An die Grenze zwischen Plumeau und Gänsehaut, nordwestlich deines vorlauten Rippenbogens, deines Schulterblattes auch und dann erzähle ich dir von der Milch, die nicht sauer wird, auch wenn du noch so sehr kicherst.

Sagt sie und er, der den Baum ohne Äste, die Milch ohne Schaum und den Urlaub am liebsten am Stück wollte, der das Bett für sich entdeckt und jenseits der Lakritzstreusel ein Arsenal Filmtrailer sein eigen nannte – just in case, er will nicht mehr. Nicht mehr jagen, nicht mehr um die nächste Ecke denken. Stattdessen Lachfalten bürsten, notfalls zahnbürstenrein und beiderseits des Scheitels, den du heute wieder anders als gestern noch trägst. Und dann sagst du einfach ja und ich will lachen und weine und schaue, wo der Regen ein Stück Boden verschont hat, trocken genug für mich und meine viereinhalb Wunderkerzen, die ich mitgebracht hatte just in case.

Leg mich, Kopf übers Hüftbein, Wadenbein über den Zuberrand und den großen Zeh kokett Richtung Schminkspiegel, magst du denken aber schon während des Vorspanns weiss dein Atem von Träumen jenseits des Stadtrands zu berichten und über deine Lippen kommt nichts als Stossgebete, die dein Knie um die Ecke bringen wollen und das am liebsten noch vor Mitternacht.

Gestern

Kettenrauchende Promille

Als der letzte Akkord verklungen war, fiel sie für Momente zurück vor deine Tür, Señor Raul. Die oberarmdicke, holzwurmstichige Tür, zu niedrig für jeden, der aus dem Norden kam, oft nur halbseitig geöffnet, dahinter der Raum. 6×6 Meter, von derben Tischen reichlich bevölkert, hinkenden Stühlen auch, unter niedriger Decke, gesäumt von gekachelten Wänden. Patina,seit Jahrzehnten hier überwinternd, die Luft zu ebenso nährreichem wie ungesundem Odem werden lassend.

Du begegnetest ihrem Blick bereits, bevor sie den Raum betrat, die Arme voller Bier unter dieser Decke voller Krüge und nur einem Bleistift direkt über der Theke baumelnd, mit deinem Lächeln. Begegnetest ihr mit den Augen Omar Sharifs hinter verrauchten Brillengläsern, die die Intensität nur unzureichend milderten, inmitten dieser sangriatrunkenen Enge, inmitten der die fünfsaitige Gitarren spielerisch überdröhnenden Stimme Pedros.

Üppig ist, was hier gefällt, deine seelenvolle, kettenrauchende hochschwangere Tochter, Señor Raul, jede Ratio in den Schatten stellend. Du, der du die weiße Sangria auch in Flaschen to go abfülltest, die Tische, die nie ausreichten. Diese nachtaffine Sehnsucht auch, die sich hier in flambiertem Chouriço und gemeinsam angestimmten und allein verlassenen Liedern äußerte. Die anschmiegsamen Promille, die jeden für eine Nacht in ihre Arme schlossen und dein Blick, Señor Raul, der ausnahmslos jeden zum Freund erhebt und sein Antlitz für die folgende Generation Gäste auf die lädierten Kacheln heftet.