Gestern

Gib meinen Worten Halt

An Regentagen wie diesen am liebsten einen Fransenteppich, einen kuschligen, barfuß begehbaren. So dick, dass die Fäden meine bloßen Fußsohlen nicht kitzeln sondern zwischen den rotlackierten Fußnägeln nach Fetzen blauen Himmels suchend auftauchen. Immer eine Prise Wolle im Mundwinkel. So weich, dass harsche Wortkrater dahinschmelzen, so kräftig, dass meine Waden Halt finden, und bitte so warm, dass Zittern überflüssig wird.

Denn das Plätzchen, das sich Arbeit nennt, ist dieser Tage so unsympathisch, dass jedes Wort Verlust, jeder Blick Angst und jeder Schriftzug Ärger in sich trägt. Die Abteilung ist in den Keller gezogen, ich friere nicht nur deshalb jeden Tag. Umso wichtiger sind die Tage an der frischen Luft und mag sie noch so regenverhangen sein, die Tage, deren erste Tasse Kaffee nicht am Schreibtisch getrunken wird, deren Höhepunkt nicht der Auslauf um den Weissensee ist, um die Körpertemperatur Richtung 37°C zu schubsen. Im Schlaf lässt sich die Wärme dann bis zum nächsten Morgen konservieren, dort weicht sie dem Weckerklingeln, mitunter bereits Minuten zuvor.

Angst, der alte Kumpel, ist wieder da, aber dich hat er nicht mitgebracht, nur ein Feld vertrockneter Sonnenblumen servierte er mir im Pfingsturlaub – nonchalant wie immer, neckisch in einen Teppich Butterblumen gebettet. Ja, doch, Butterblumen!

Gestik

Erfahrung braucht Zeit

Und ich jede Menge Achtsamkeit, dachte er sich beim Treppensteigen. Vor kurzem war sein Team in ein anderes Büro gezogen, eine enge Wendeltreppe führt nun hinab zu seinem Arbeitsplatz, Chef und Küche sind nun zwei Treppen und einen Gang über den Hof entfernt, Tageslicht hat nur noch in Maßen Zutritt. Vielleicht arbeitet er deshalb wieder häufiger nachts, produziert Texte am zuverlässigsten nach 23 Uhr. Zugegeben, das mag auch an den mangelnden Kollegen liegen, kein Kickergelärme, kein Kekskrümeln, keine röhrenden Telefonhörer. Keine Blicke. Stattdessen: Zeit und jede Mengen Schatten. Und auf dem Weg über den Hof eine Begegnung mit dem Nachtwächter.

Aus Gleichgewicht entsteht keine Balance, summt sie und erschrickt beim letzten Ton über Aussage und Klang. So anstrengend ist das, was sie gerade als unerträgliches Ungleichgewicht empfindet und andere als ihr Leben bezeichnen. Überwältigend geradezu ihr Hunger nach friedlicher Balance, nach ausgeglichenen Comfort-Zonen. Nach Schokotalern und Käsebroten. Musik ist meist schon zu viel, weniger Musik in fast jedem Falle gleichbedeutend mit mehr Achtsamkeit, mehr Moment. Manche Töne werden gar wie Reifröcke wahrgenommen: dekadent, unpassend, aus der Zeit gefallen, mithin sogar lächerlich.

Man gebe mir ein Huhn und eine Axt, ein Whirlpool im Grünen und ein Gläschen vom einzig Wahren. Ein paar Augen, die das Hinsehen noch nicht verlernt haben und ein paar Füße, die der Luft nicht nur Wege sondern Treppen abtrotzen. Ich will noch nicht aufhören, ich will nicht Bitternis bunkern Tag für Tag und erst nächtens aufwachen, wenn weder Erinnerung noch Vergleich drohen und es nicht auffällt, das meine Haut beim schüchternsten Sonnenstrahl aufjault, waidwunder als jedes Reh. Ich will Erfahrungen anhäufen und Mut in Tat umsetzen.