Gelüste

Traum auf der Zunge

Man stelle mir meine Träume vor. Einzeln. Ich möchte sie kennen lernen. Später sogar duzen. Ich möchte sie meinen Freunden vorstellen, ihnen einen Platz an meiner Seite einräumen, sie um mich haben. Gerne auch öfter. Ich will eingehen auf ihre Bedürfnisse, ihre Ansprüche vorausahnen und ihr Streben zu meinem machen. Möglichst bald. Aussprechen will ich sie, singen, fühlen will ich sie. Streicheln. Umhegen. Sie mir auf der Zunge zergehen lassen. Miteinander kombinieren will ich sie, sich gegenseitig kennen lernen, mich kennen lernen.

Erfüllen will ich sie. Sie mir. Sich. Uns. Alle auf einmal nicht unbedingt, aber den ersten schon bald.

Gestik

Aus den Augen verloren

das Leben, und es fehlt. Jeden Tag mehr. Mindestens so bitterstoff-intensiv aber ist die Angst. Vor jedem Tag, an dem nichts als Leben auf der Liste steht. Vor jedem Ja. Vor jedem Strich. Vor dem Montag vor allem und dem Samstagmorgen.
Vor dem Wochenende gibt es Pickel und am Sonntagabend Blues. Dazwischen regiert Prinz Nervous, raubt Silbe um Silbe, Pigment um Pigment. Lacht sich eine Furunkel ins nasswarme Fäustchen und baut Wortberge wo Sonnenuntergänge hingehörten.

Inmitten der schwarzweissen Kringel, unbeeindruckt von Augenringen und blutleeren Venen: das Mädchen ohne Sorgenfalten, die Lust auf wochenlange Verführung, der Traum unverkäuflicher Gesundheit.