Gelüste

Atemübungen unter dem Einfluss von Gaatoodemylängli

Heute feierlich drei erste graue Haare mir ins Brusthaar geflochten mit rauchzarten Fingern. Ruß auf der Zunge die süßgelbe Pille nasser Schuhe geschluckt und – selten genug – mich an eines Rauchers Charme erfreut. In der Folge wider besseren Wissens dem Zimt in Dosen verfallen und innert weniger Minuten der Kryptia erneut auf den Leim gegangen. Vorsichtshalber den bereits persistierend flimmernden Vorhof gefliest und die Kammern vom Staub der zuvor etwas unvorsichtig ausrangierten Raucherlunge befreit.

Es wird Winter. Das Salz der Straßen zieht in Mantel- und Hosensäume. Backrohre werden zurückerobert. Risottoambitionen seiner Besitzer zum Trotz zeigt der Topf zwei Daumenbreit unter dem leidlich passenden Deckel Trauerränder, die jeder Drahtbürste schon von Ferne den Atem nehmen. Unter Wasser gesetzt und mit jahrelang geübten Emergency-Pumpen neue Puste zwischen die Stoppeln gedrängt, gelingt minutenweise die Schaffung eines würdigen Metallgefäßes.

Ob der Energieverschleuderung einen siebenzackigen Stern gehustet, der die Nacht für ein paar wertvolle Momente zurückweichen lässt und Raum schafft für ein paar Gedanke jenseits von Rezept(uren) und Zuzahlungsbefreiung. Noch ist nicht der 31.12. und das macht Mut – und rote Zahlen. Ich lechze nach Veränderung und würge Kümmelfetzen – auch das Backblech bedarf einem wirkungsmächtigen Großreinemachen. Erst aber: In den Unterbauch atmen, die Augen schließen, schlangenlinienformende Luftlassos imaginieren, Ausatmen.

Gestern

Wie bist du eigentlich sozialisiert?

Wie bist du eigentlich sozialisiert? – Eindrucksvolle Gesprächswiederaufnahme im Stau hinter Katharina Wagners Wagen. Und wie so oft kommen die schlagfertigen Antworten erst am Tag darauf in Reichweite. Am Nachmittag sogar erst, als ich endlich wieder mal musealen Boden betrete, fast ein wenig scheu ob der langen Abwesenheit.

Im Martin-Gropius-Bau kann man dieser Tage nicht nur Marilyn und Bob Dylan in die Augen schauen, auch namenlose Ölfeldarbeiter, Landstreicher, Mörder und ein „Arbeitsloser Black-Jack-Kartenausgeber“ bieten sich den angesichts des regnerischen Wetters zu Hauf angereisten lüsternen Blicken dar. Wir lachten viel und flüsterten noch mehr. Beim Hüpfen über Blickachsen und dem Retten der eigenen Achillesferse vor blindgeschobenen Kinderwagenrädern zuweilen gar außer Atem geraten. Viel Haut gab’s, zerknitterte und babyzarte. Vielerlei Frisuren, von Vokuhila bis Banane. Viel zu viel Voyeure für die oftmals zarten Linien. Keine Farbe.

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Und weil ich dich heute um ein dreifachgesplisstes Haar wiedergesehen hätte, lange Minuten war ich gar überzeugt davon und drapierte vorsorgend ein gesprächsaufforderndes Lächeln auf meine Lippen, las ich, wieder zu Hause, was ich schrieb, damals, als wir uns das erste Mal begegneten.

kein schlaf heute nacht
dafür elf mal
deine nummer auf meinem AB

dem lidschatten
im augwinkel
ausgewichen
scheint mir
der schalk
in blitze gebündelt
zuzuzwinkern
auf der suche
nach vakanten
stell’n beinah
komplizenhaft

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Gestern Bild, heute Text, morgen Arbeit.