Gelüste

Ich nenn‘ es Kaiserschnitt

Dieses ewige Versteckspiel so satt, stattdessen Sehnsucht nach klaren Worten, einem nur. Einem, das trifft. Prägnanz. Wucht. Vehemenz. Und nicht einem nur, einem ganzen Wagen voll. Endlich wieder wühlen in Satzkonglomeraten, eingraben in Formulierungskünsten, untergehen in waghalsigen Worttoupets bar jeden Satzzeichens. Endlich mal nicht mehr jedes Wort vom Munde absparen, stattdessen verschwenderische Schachtelsätze verteilen. Eigene Texte bauen. Lesen, stapelweise.

Dem dräuenden Dunkel abschwören und wie Liz Farbakzente setzen, es wagen, bemerkt zu werden. Die Haare nicht nur zum Schutz missbrauchen, sondern mit Glanz versetzt mir ums Haupt winden. Knie zeigen und Stiefel tragen, die neuen roten zum Beispiel. Die Ohren mit Musik verwöhnen, möglichst welcher, die gleich die Knie mit befruchtet und den Leib beben macht, Kurven ziehen. Lachen, ganz wichtig. Lachen, mit beiden Augen und ganz tief aus dem Bauch heraus. Teilen, mich, meine Lust und das Leben nach Feierabend.

Mutig sein und weitergehen, weiterfragen auch. Neue Ziele bestimmen. Rat bei Fremden einholen, Freunde zum Kochen einladen und umgekehrt. Gemeinsam essen und zwar gut. Sorgsam mit mir sein in jeglicher Hinsicht, das haben mir die letzten 2 Wochen in all ihrem Schrecken mal wieder nahe gebracht. Den Blick in den Spiegel wagen und Umarmungen tunlichst nicht immer aus dem Weg gehen. Nicht nur verzichten, auch mal zuschlagen, zärtlich versteht sich, genießerisch. Ein, zwei Ladungen Kunst ins Hirn schaufeln und jede Menge Leichtigkeit. Ob’s klappt?

Gestern

Kulinaria on the street

Nackten Arsches sich auf den herbstlichen Asphalt schmiegen, die Kniescheiben an die Bordsteinkante gepresst. In der handbeschuhten Faust dabei stets ein Freudenfrollein am Stiel und in der himmelwärts sich ausbeulenden Manteltasche ein Nussgipfel allererster Güte. So, und gerne auch mit ihr, stellte er sich novemberliche Sonntagnachmittage bevorzugt vor. Meist endeten sie leider weit entfernt von jeder seiner Vorstellung auf einem allzu grünen Kaschmirsessel, eine blondtoupierte, kräusellippige Dame an der Teetasse gegenüber und einem eingeschweißten, halbierten Creamcheese-Bagel auf dem Platzteller.

Vorgestern aber hat er, so unverhofft wie detailliertes geplant, drei Straßen weiter als üblich, dort wo die Stadt zum Dorf mutiert, im Schaume der Skoliose-gebeugten Dämmerung den Anblick ihrer Mondscheinbrüstchen in trauter Zweisamkeit genossen. Die Sehne seines Ringfingers war Zeuge wie drei seiner stets unter 37°C kühlen Fingerkuppen die bleichen Panoramen Quadratzentimeter für Quadratzentimeter mit Schweiß bedeckten und solchermaßen in zarten Schein versetzten. Seine Zungenspitze fabulierte derweil von mild-mediterranem Steinpilzrisotto und dem Duft von Gläserweise leuchtendem Grauburgunder.

Es ist natürlich mitnichten der Fall, dass obenbeschriebener Herr, und als solcher ist er ohne Zweifel zu bezeichnen, mir näher bekannt wäre. Aber die einzelne graugefärbte Wimper nordwestlich des polychromen linken Augapfel des Mannes, der mir heute früh für den Kauf der aktuell in ausgewählten Supermärkten dargebotenen gelben Balistos – Limited Edition um wertvolle Sekunden nur zuvorkam, bestach mit ihrer geradezu atemlosen Beredsamkeit in einer mir bis dato unbekannten Intensität. Und so wusste ich in der darauffolgenden gleichen Minute um meine Rückkehr mit leeren Hände wie um seinen letzten Samstagnachmittag.