Gelüste

Gelegentlich leichte Schauer

Er schloss die Augen. Handballen rollen sich über seinen Hüftbogen, reiben die Spurrillen der Fado-Klänge tiefer in seine Haut. Er ahnt einen Ringfinger. Atemspuren erobern seinen Nacken Mulde für Mulde erst bis zum Haaransatz, dann auch weit darüber hinaus und mild-herber Wortbalsam füllt seine linke Ohrmuschel, frisch gelesen aus ökologisch kultivierten Reben des nahe liegenden Südhanges. Synchron erheben sich Haarwurzeln geweckt aus metertiefem R.E.M.-Schlaf, Locken schlagen sich ins vordem glatte Haar, kräuseln Volumen wo einst glattgebügelte Eintracht herrschte.

Aus dem Nagelbett seines linken Daumennagels erhebt sich, sich nach allen Seiten spreizend, wohlig gähnend, eine Gänsehaut, die im ersten Anlauf bereits die Schultergegend erreicht und auf dem Rückweg die Ellbeuge gar mit doppelter Intensität heimsucht. Graumelierte Steh-Auf-Härchen tummeln sich nunmehr, wenn auch für ihren Biorhythmus zu einer Unzeit wach gekitzelt, vergnügen sich Rücken an Rücken um fremdländische Fingerspitzen mit zart lackierten, angenehm rauen Fingernägeln.

Mandelsirupfetzen von der Größe eines Feinstaubpartikels tolpatschen an der linken Zungenaussenseite entlang, da wo die Papillen Geschmack zu destillieren vermögen, über des Gaumen Umwege, hin zu seinen noch trocken flüsternden Lippen und auch daran: vorbei. Angekommen an Nasenflügelöffnungen im Doppelpack, dort gierig der sie üppig umlagernden Luft entnommen und stande pedes ins Genusszentrum transportiert, das ihm in Erwartung crèmeweiss dampfender Milchbecher beinahe die Augen geöffnet. Vereitelt dies einzig vom raunenden Flaum eines berauschend warmen Wadenbeins, welches sich soeben anschickt seine Schenkel zu teilen.

Gelage

Fußpilz unter der Taucherglocke

Am Fußende die Ephemeriden esspressocrispesk unter dem Nagel gelegen und von der Farbe gealtertem Elfenbeins. Am Kopfende dagegen drängeln sich Schwimmhäute visalos, aber bisher weitgehend unverfolgt in Ohrmuscheln, zwischen Zahnschmelz und Wimpernzöpfen. Er flucht indoarabisch ohne zu Stottern, ohne Wut auch eigentlich, wenn man den einzelnen Silben und ihrem Klang nur aufmerksam genug lauscht und ihrer Komposition im Gesamten. Pseudomo Nasa-erugi-nosa säuselt er seinen Namen ihr zwischen den auf Augenhöhe Wogenden und lacht eitrig-ulzerierend sich ins ungeballte Fäustchen.
Hunger ist notwendige, nicht aber hinreichende Bedingung, das Fischen in Herzkranzgefäßen ohne jede Einschränkung zu erlauben. Appetit anregend werden also Fingerknöchel geknetet, die Kuppen eingefettet, auch dem staubigsten Untergrund zu trotzen, die Nägel geschärft. Das Verführen der Miniermotten – in Berlin legendäre Binge-Eating-Falter aus dem Balkan – entlang koffeinhaltiger Dekolletés war auch schon mal einfacher, amüsiert er sich die ersten Staubwirbel des heutigen Tages hüstelnd. Die Woche gärt bereits mehr als einen Tag zu lange, als sich noch unkommentiert ein schönes Ende wünschen ließe, er kratzt sich einen Wetterdialog aus der Handinnenfläche und kommuniziert ihn nonverbal aber unmissverständlich angenervt.
Weit vor Schichtbeginn rüstet sich seine Zweitidentität, wohl informiert über Notwendigkeit und Wert einer eindeutigen Prioritätensetzung, für den Feierabend. Kein Eisbein heute, auch kein Schweineohr und mit Sicherheit auch keine Kurzgeschichten in Aspik; gefrühstückt wird zuckerarm, blutleer und bar jeden Schweißverlustes, das vierteljährliche Hämogramm möge es einst honorieren. Zuvor aber sei die Glocke über das Haupt gestülpt, auf dass kein Regentropfen es mehr wagte oder auch nur in Erwägung zöge, die zärtlichst lachsfarbenen Ohrlappalien in Schwingungen zu bringen.

PS: Die Ferse tief in schwarzgrünem Algenmeer geborgen, schmeckt das Pausenbrot um Längen besser.