Gedanken

Frakturen

Aber dem ist dann doch nicht so und wenn man wartet, warten meist auch zwei Zehen vergeblich auf ihren täglichen Auslauf. Dackelblicke nützen auch schwäbischen Beaus wenig, ist die große Zehe – rechter oder linker Fuß nimmt sich in diesem speziellen Falle meiner Erfahrung nach äußerst wenig – erst einmal missgünstig gestimmt. Verfärbt sich bereits die Nagelhaut dunkel ist Gefahr im Verzug und eine bequeme Sandale anzuprobieren und hat der Nagel bereits das Einwachsen in Angriff genommen hilft zumeist nur mehr lautsingendes Kneippen oder aber ausgiebige Whirlpool-Sessions mit Extrakten von rotwangigen Jünglingen handverlesener Kiefernnadeln um die Diva eines jeden Damenfußes zu erweichen.

Wer entscheidet über die finale Vergeblichkeit, wer gewährt die Gnade des aktiven Ausstiegs aus der Warteposition ohne eine gleichzeitige Aufgabe zu diagnostizieren, wenn nicht das eigene Oberlid. Auf Halbmast lauernd, geöffnet zum Angreifer mutiert, erklärt es geschlossen die Audienz als beendet. Ohne ein Blinzeln drei Perspektivwechsel, drei Urteile, drei Anblicke für den, der sich zu fragen erlaubt und den Blick in Hoffnung und Erwartung einer Antwort erhoben hatte. Die Zehen hatten derweil den Kontakt zur Erde zu halten, nagelfeilenfern, beschuht, umsockt, verschwitzt. Und doch: Stets der Leibesmitte um einige Zentimeter, dem Unterlid um die entscheidenden Millimeter Bewegungsfreiheit voraus.

Manchmal möchte ich ein Ellbogen sein, links – oder rechts – stets lässig mit dem Rumpf schritthaltend, wenn nicht gar ihn überholend, stets auf Tuchfühlung mit ausgewählten und zufälligen Passanten gleichermaßen. Niemals stumpf. Präsent ohne Hauptrolle, gelenkig und mit der Macht jeder Bewegung der angeschlossenen Hand zu ordentlich Spin zu verhelfen. Das Versprechen eines Schleudertraumas quasi. Quasi – ein zu Unrecht gemiedenes Wort, im Portugiesischen quase, ausgesprochen das finale E zu einem quas’ amputiert. Janusköpfig. Oft alleinstehend oder am äußersten Satzende platziert. Hinten, da wo auch der Ellbogen in die Knie geht.

Gesuche

Jede Wette

Öfter mal einer Donauwelle schöne Augen machen, eine Streuselschnecke flachlegen oder eine Buttercreme zur süffisant lächelnden Schlachtbank führen. Öfter mal die eigenen Lippen liebkosen, eiskalt verführen mit einer Kugel AfterEight, auseinander treiben, nicht mit Stahl sondern mit dem frisch gepresstem Nektar spanischsprachiger Orangen. Wie so oft an den letzten Abenden sinnierte er solchermaßen bei einer Kanne vor Stunden bereits aufgebrühter billigster Teebeutelpaare, als die Stadt sein mürrisches, weil zu selten eingesetztes Telefon klingeln machte und ihn gewohnt herrisch und heute mal mit schlecht imitiertem amerikanischen Akzent zu sich bestellte. Es ging um New York. Und Austern. Beides keine Begriffe, die sein Herz höher zu schlagen im Stande gewesen wären. Er seufzte und ergab sich nicht nur aber auch widerwillig.

Als ich in sein Gesicht blickte, dachte ich noch er würde Jeans tragen. Als mein Blick aber sich der Schwerkraft unterwerfend an seinen Hüften entlang glitt, erkannte ich meinen Irrtum. Bundfalten im Spalier über einem Hemd, dessen leuchtende Tage gezählt waren. Ihre nachlässig umgeschlagenen, auf Taille abzielenden, plissierten Hosen hatten mich und meinen ihren Leib aufwärts wandernden Blick hingegen ein 20 Jahre jüngeres Gesicht erwarten lassen. Ein untrainiertes Lächeln.

Einer Begegnung sind wir auch dieses Mal erfolgreich aus dem Weg gegangen.