Gedanken

Scherenschnitt

Sonnenstrahlverhangenen Wintermantels wagte er sich montags auf die Straße, die Stadtreinigung zeigte vollen Einsatz beim Versuch die Gullydeckel zu reanimieren. Er ließ ihren Elan nicht allzu nahe an sich heran, ging bewusst langsam, das linke Bein nachziehend. Die quietschenden Vögel rechts und links in den Kronen der Platanen ignorierte er ganz, er hielt den Blick vielmehr wachsam auf das nächste Schlagloch gerichtet. Pflastersteine warfen sich beidseits seiner Knie ins wässrige Sandbett, seinen Tritt fürchtend, der Fuß für Fuß die Straße dem Erdboden gleich machte.

Tage wie diesen gab es seiner Meinung nach deutlich zu viele. Sie glitten ineinander, Wochen und Monate konstituierend, die er nicht willkommen heißen mochte und in denen er sich nicht willkommen fühlte. Die wenigen Nächte dazwischen, die ihm kühlende Finsternis auf die Schläfen tröpfelten, kamen immer seltener und immer öfter auch zu spät. Unzuverlässig jedenfalls, und die Tage ihrerseits nutzten die temporale Schwäche und machten sich unangebracht breit.

Er spürte das Ziehen im linken Mundwinkel, als die Nachbarstochter freundlich grüßend seinen Weg kreuzte, erst im letzten Moment bekam er seine Gesichtsmuskeln unter Kontrolle. Er nickte mürrisch und blieb unbeeindruckt auf seiner Linie, zwei Fußbreit parallel zur Bordsteinkante. Die Nachbarstochter hüpfte ihrem Tag entgegen, festlich gekleidet, das Haar zu zwei Zöpfen geflochten. Er erreichte, wenig später nur, seine Arbeitsstelle, ein unscheinbares Haus im Halbschatten eines Wolkenkratzers. Wohlig schmiegte er sich in den anachronistischen Aufzug, der ihn zu seinem abgedunkelten Büro bringen würde, er war zu früh, als das ihm hätten Kollegen begegnen können.

Gelüste

Weißabgleich.

Keine Fahrt ins Blaue, keine Blumen auf der Fensterbank, auch keine Tulpen im Glas. Stattdessen unter den eigenen Achseln Bubiköpfe pflanzen, unsichtbar den linken, den rechten adrett coupiert mit Ausguck zur Halsschlagader. Statt Haupthaar. Herr L. weiß um meine heimliche Sehnsucht nach einem Brusthaartoupet, wendet aber gegebenenfalls das Gespräch geflissentlich gen wolkenlose Strände. Ich poche jeweils auf deren Lasterhaftigkeit, von wegen jungfräulich rein und säuselnden Palmen im Wind. Teerschlammdünen verscheuchen selbst Krustengetier und eignen sich nur bedingt zu meditativen Sit-ins.

Herr L. lacht und deutet auf meine Füße, die Worte kaut er streng nach Packungsbeilage dreißigmal. Nordworte, wie die drei Container Packeis, unter dem strengen Blick seines linken Nasenflügels sogar weit öfter. Der rechte zittert meist gleichgültig, wartet auf Melodien jenseits des Zusammenhangs. Kontextlose Arabesken würde er sich wünschen, ließe man ihn an die Jukebox. Allein, das letzte Mal um seine Meinung gebeten wurde er 1983 auf einer Zugreise an die Nordsee. Er erinnert sich ungern, weiß aber seitdem das Strandspaziergänge durstig und Seeluft hungrig machen.

Wenn jetzt einer was sagte, wäre das Fernweh sichtbar, so aber bleibt es subkutane Geräuschkulisse braungebrannter Burschen auf selbstgemachten folkloristischen Instrumenten. Herr L. hat die Augen unter doppeltgefalteten Lidern geschlossen, ich bewundere seit jeher seine ausgefeilte Origami-Technik. Mein Sehnerv bleibt horizontal fixiert, übt sich im gegen den Wind Schauen und lacht sich ob der Raufasertapete ins imaginäre Fäustchen. Eine Sprache wäre schön, eine nomadisch veranlagte, wildgewachsene Uferlose mit Catsuit und Tarnkappe.