Gelüste

Weißabgleich.

Keine Fahrt ins Blaue, keine Blumen auf der Fensterbank, auch keine Tulpen im Glas. Stattdessen unter den eigenen Achseln Bubiköpfe pflanzen, unsichtbar den linken, den rechten adrett coupiert mit Ausguck zur Halsschlagader. Statt Haupthaar. Herr L. weiß um meine heimliche Sehnsucht nach einem Brusthaartoupet, wendet aber gegebenenfalls das Gespräch geflissentlich gen wolkenlose Strände. Ich poche jeweils auf deren Lasterhaftigkeit, von wegen jungfräulich rein und säuselnden Palmen im Wind. Teerschlammdünen verscheuchen selbst Krustengetier und eignen sich nur bedingt zu meditativen Sit-ins.

Herr L. lacht und deutet auf meine Füße, die Worte kaut er streng nach Packungsbeilage dreißigmal. Nordworte, wie die drei Container Packeis, unter dem strengen Blick seines linken Nasenflügels sogar weit öfter. Der rechte zittert meist gleichgültig, wartet auf Melodien jenseits des Zusammenhangs. Kontextlose Arabesken würde er sich wünschen, ließe man ihn an die Jukebox. Allein, das letzte Mal um seine Meinung gebeten wurde er 1983 auf einer Zugreise an die Nordsee. Er erinnert sich ungern, weiß aber seitdem das Strandspaziergänge durstig und Seeluft hungrig machen.

Wenn jetzt einer was sagte, wäre das Fernweh sichtbar, so aber bleibt es subkutane Geräuschkulisse braungebrannter Burschen auf selbstgemachten folkloristischen Instrumenten. Herr L. hat die Augen unter doppeltgefalteten Lidern geschlossen, ich bewundere seit jeher seine ausgefeilte Origami-Technik. Mein Sehnerv bleibt horizontal fixiert, übt sich im gegen den Wind Schauen und lacht sich ob der Raufasertapete ins imaginäre Fäustchen. Eine Sprache wäre schön, eine nomadisch veranlagte, wildgewachsene Uferlose mit Catsuit und Tarnkappe.

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