Gedanken

Scherenschnitt

Sonnenstrahlverhangenen Wintermantels wagte er sich montags auf die Straße, die Stadtreinigung zeigte vollen Einsatz beim Versuch die Gullydeckel zu reanimieren. Er ließ ihren Elan nicht allzu nahe an sich heran, ging bewusst langsam, das linke Bein nachziehend. Die quietschenden Vögel rechts und links in den Kronen der Platanen ignorierte er ganz, er hielt den Blick vielmehr wachsam auf das nächste Schlagloch gerichtet. Pflastersteine warfen sich beidseits seiner Knie ins wässrige Sandbett, seinen Tritt fürchtend, der Fuß für Fuß die Straße dem Erdboden gleich machte.

Tage wie diesen gab es seiner Meinung nach deutlich zu viele. Sie glitten ineinander, Wochen und Monate konstituierend, die er nicht willkommen heißen mochte und in denen er sich nicht willkommen fühlte. Die wenigen Nächte dazwischen, die ihm kühlende Finsternis auf die Schläfen tröpfelten, kamen immer seltener und immer öfter auch zu spät. Unzuverlässig jedenfalls, und die Tage ihrerseits nutzten die temporale Schwäche und machten sich unangebracht breit.

Er spürte das Ziehen im linken Mundwinkel, als die Nachbarstochter freundlich grüßend seinen Weg kreuzte, erst im letzten Moment bekam er seine Gesichtsmuskeln unter Kontrolle. Er nickte mürrisch und blieb unbeeindruckt auf seiner Linie, zwei Fußbreit parallel zur Bordsteinkante. Die Nachbarstochter hüpfte ihrem Tag entgegen, festlich gekleidet, das Haar zu zwei Zöpfen geflochten. Er erreichte, wenig später nur, seine Arbeitsstelle, ein unscheinbares Haus im Halbschatten eines Wolkenkratzers. Wohlig schmiegte er sich in den anachronistischen Aufzug, der ihn zu seinem abgedunkelten Büro bringen würde, er war zu früh, als das ihm hätten Kollegen begegnen können.

7 Gedanken zu „Scherenschnitt“

  1. T.M. sagt:

    Dabei habe ich gar keinen anachronistischen Fahrstuhl auf dem Weg zur Arbeit.

  2. mq sagt:

    Ich finde es seitens der Damen und Herren Blogsport nicht angemessen, unter einen solchen Text eine solche Anzeige zu platzieren:

    “Ist Ihr Darm sauber?
    Alles, was Sie für die Darm- Reinigung brauchen, gibts hier!
    Goooooogle-Anzeigen”

  3. Ole sagt:

    Ich will wahrlich nicht zum automatischen Clacqueur, zum inflationär sprudelnden Komplimentspringbrunnen werden, aber: Einmal mehr bleibt mir ob so viel originell bebilderter Sprachschönheit der Mund offen stehen. Und dann steht da plötzlich “konstituierend” wie ein verrammelter Metallschrank kalt, unbeweglich und starr im Weg. 🙂 Sei’s drum. Irrsinnig schön.

  4. kopffuessler sagt:

    @ T.M., nicht immer wenn ich zur Feder greife, schreibe ich über Dich.

    @ mq, was wären denn angemessene Alternativen?

    @ Ole, ohne Metallschränke zwischendrin ist Feng Shui mir zu übermächtig. 🙂

  5. mq sagt:

    Heute bot man mir folgendes an:

    Neues Haar wachsen lassen
    Wie Sie mit Capris in 16 Wochen
    bis 83,5% mehr Haare erhalten!

    Alles gegen Gelenkschmerz
    liefert Apotheke am Rothenbaum
    Stiftungswaren getestet mit gut

    1. steht da WIRKLICH 83,5%
    2. sähe ich bereits ab 3,5% mehr Haaren aus wie ein Monchichi – keine Ahnung, wo die anderen 80% wachsen sollten. Ich behalte mein altes Haar.
    3. was auch immer ‘Stiftungswaren’ sind, es klingt beinahe seriös, und litte ich unter Gelenkschmerzen, wäre die Apotheke am Rothenbaum möglicherweise einen Klick wert

    Aber von angemessenen Alternativen würde ich in beiden Fällen nicht sprechen. Oles Kommentar wäre z.B. eine angemessene Alternative.

  6. kopffuessler sagt:

    @ mq, wirklich unerhört Ihnen in meinem Blog Haarwuchsmittel anzupreisen! Mir mag es an vielem mangeln, aber – Zeugen werden das bestätigen können – nicht an Haar.
    PS: Sie schmeicheln mir, danke.

  7. kopffuessler sagt:

    PPS: Capris muss man mir nicht schmackhaft machen, die schleck ich im Sommer aus urinnerstem Antrieb.

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