Gestern

Speronis Spirenzchen

Von den Texten Sperone Speronis, Sohn des Bernardino Speroni, Beinahe-Lehrer des Torquato Tasso, der seinerseits im Dienst des Guglielmo Gonzaga stand, wird gesagt, sie paradoxalisierten. Dabei schränkt er dialogische Geltungsansprüche von Komödienparallelen ein. Im Übrigen ist Speroni Professor für Logik. Und für Philosophie. Nebenbei ist er Jurist. Und Theaterautor. Seine ersten Dialoge fielen der Zensur zum Opfer, bei seiner Verteidigung verglich er die Charaktere seiner Dialoge mit den Kochzutaten Brot, Fisch, Anchovis, Mehl, Pfeffer und Thunfisch, sich selbst mit dem dazugehörigen Koch. Er konnte nicht überzeugen, seine Werke landeten auf dem Index.
Zuletzt stellte sich Sperone Speroni die Frage nach der Kunst der Geschichtsschreibung. Er zweifelte, ob es überhaupt eine sei. Er begann einen Dialog über diese Frage, den er leider nie zu Ende schrieb. 1588 starb er in Pisa ohne Antwort.

Spätestens Hegel gab sie unmissverständlich in seinen Vorlesungen über die Ästhetik:
»Dennoch gehören auch diese schönsten Produkte der Geschichtsschreibung nicht der freien Kunst an, ja selbst wenn wir auch noch die äußerlich poetische Behandlung der Diktion, Versmaße usf. hinzutun wollten, würde doch keine Poesie daraus entstehen. Denn nicht nur die Art und Weise, in der die Geschichte geschrieben wird, sondern die Natur ihres Inhaltes ist es, welche sie prosaisch macht. Wir wollen hierauf einen näheren Blick werfen.«
Innere Werte also, Substanz, nix Spirenzchen.

Gerede

Diskursanalyse

Lächelst Du, teilt mich der Schatten Deiner Zähne. Schweigst Du aber, wärmt mich Deine Abwesenheit. Mit Deinen verkrümmten Worten zeigst Du mir eine längst vergilbte Welt, deren Landschaften noch einem Kartographen harren. Du aber weißt längst um die dreieinhalb Douglastannen, bei deren Anblick man sich rechts halten muss und um die Eulen, deren Gesang Zupfkuchen servierende Scheinriesen hervorlockt. Du reichst mir den dunklen Tee als handele es sich um einen Aufguss handgezupfter Nana-Minze; deine Hand zittert crescendo, deine Pupillen verengen sich zu Nadelspitzen, die erst dann wieder stricken könnten, wenn die Tasse wohlbehalten auf der Tischplatte zum Stehen kommt. Der Klang von Steingut auf Holz signalisiert das erfolgreiche Ende der ersten Etappe.

Und so gönne auch ich mir ein paar Atemzüge, bis Dein Blick mich als sein neues Opfer kürt und Deine Wimpern die Sicht freigeben in diese blickdicht verhärteten Blitzschleudern, die ein Lächeln zur Waffe machen. Niemals direkt in seine Augen schauen, hatte sie mich gewarnt, schau auf seine Schläfen, auf seine Stirn. Halte stand. Nicht erwähnt hatte sie das Magnetfeld, das schon in den umgebenden Krähenfüßen deutlich wird, allesamt pupillenzentriert, mein Blick kann sich nur ergeben in das Wagnis der graugrünen Tiefseeschluchten. Der Widerstand reichte kaum für einen Kürzesturlaub in den hellbraunen Mulden zwischen Augenbraue und Oberlid, dann war die Verlockung des kühlen Nass übermächtig. Für Sekunden.

Und da ist es auch schon, Dein Lächeln, das mich zuckend uneins macht, das mich reflexhaft zur nahe stehenden Teetasse greifen lässt, als berge Tee tatsächlich Abwehrkräfte und könnte seine Wärme Deine Kälte entschärfen. Meine Hand zittert nicht, aber die Breite Deines Lächelns verrät Dein Wissen. Von Deinen Worten hatten mich nur die ersten drei wirklich erreicht, dann ging die Konzentration für den Widerstand drauf und erst jetzt, wo alles verloren, dringen die knackenden Laute wieder bis zu mir. Noch klingen sie fremd und stehen zusammenhanglos im Raum, aber kurz später schon verbinden sie sich zu Einheiten, synchronisieren ihr Rauschen, rhythmisieren ihre Abstände. Ich zwinge mich zu einem Mund voll Luft unter Deinem prüfenden Blick und mit der Bewegung meiner Lippen verstehe ich, Deine zu lesen.

“… nicht so schlimm. Nur Mut!”