Gedanken

Ungewollt betarnkappt.

Ich weiß nicht, wie oft ich mein Gedächtnis schon verflucht habe, denn es beschränkt sich nicht etwa auf Geburtstage, Telefonnummern oder sonstige Gesprächsinhalte. Nein, es umfasst auch die dazugehörigen Gesichter. Die Latte, über die sich ein Gesicht hieven muss, um von meinem Gedächtnis als erinnerungswürdig kategorisiert zu werden, hängt denkbar niedrig. Erdbodennah. Ist quasi nicht vorhanden. Ein kurzes Gespräch, ein ausgetauschtes Lächeln nur oder ein Blick – eingemeißelt bis in alle Ewigkeit.

Dass dieser Segen, den ich zu Schulzeiten noch dankbar auskostete, sich zum ausgewachsenen Fluch mauserte, liegt in einer anderen Eigenart begründet, mit der er einhergeht. Mein Gesicht kann sich niemand merken, dann schon eher meinen Geburtstag. Aber was bringt mir der, wenn ich dem Mann auf der Straße begegne, mit dem ich am Abend zuvor an der Bar geflirtet hatte, ihm ein strahlendes Lächeln zuwerfe und von ihm nichts als einen konsternierten Blick erhalte? Wenn die Kollegin, mit der ich in der Woche zuvor das Projekt ausbaldowert habe, am Tag X die Zusammenarbeit verweigert, weil das nur mit der Blonden ginge, mit der sie das Projekt entwickelt habe? Wenn die Dame mit der ich ein Wochenende lang gemeinsame Themen diskutiert habe, am nächsten Tag durch mich hindurchschaut?
Kurz, wenn mein Lächeln unerwidert, der anknüpfende Spruch unausgesprochen und die Wiedererkennung aus bleibt!

Der Effekt ist ein subtil zermürbender, angefangen vom Flirt der sich nicht erinnert und einem damit deutlich macht, das man weit weniger Eindruck hinterlassen hat als umgekehrt. Über die Kollegin, der man umständlich erklären muss, dass man selbst die Person ist, auf die sie noch warten zu müssen glaubt ohne dass es ihr allzu peinlich ist. Bis hin zu all den anderen Kontakten, die so mühelos geknüpft wieder gelöst wurden bevor sie genossen werden hätten können. Ich mag gar nicht an all die Menschen denken, die ob meiner Aufmerksamkeit oder meines Lächelns verunsichert und verwirrt das Weite suchten, da sie sie nicht einordnen konnten – es gab ihrer viele und nicht immer hatte ich den Mumm, die Situation aufzuklären. Zu erniedrigend erschien es zuweilen, sich dem andern wieder ins Gedächtnis zu rufen.

Es bleibt der Rat des aufdringlichen Hilfsbrillenverkäufers (oder Brillenhilfsverkäufers?), der mir riet, die eigene Unscheinbarkeit mittels eines ausgefallenen Gleitsichtmodells zu kaschieren. Noch verweigere ich mich dieser Lösung allerdings.

Gestern

restitutio ad integrum

Wer mit mir näher zu tun hat, weiß, dass ich in Sachen Kommunikation mitunter eigenwillig und so zeitweise beispielsweise telefonisch nicht erreichbar bin. Manchmal auch mal eine zeitlang gar nicht. Dass die Kommunikation mit dem Reiki-Meister allerdings missglückte, kann nicht daran gelegen haben, er wollte sich bei mir nämlich per Email nach eingetretenem Behandlungserfolg melden und tat es über zwei qualvolle Wochen lang nicht. In der dritten versuchte ich telefonisch mein Glück, wurde jedoch von einem rauschenden AB abgefangen.
Schwer wurden die Nächte, leidvoll die Stunden im Bus und mein gerade verheiltes Sprunggelenk schwoll unter der neuerlichen Belastung durch die zurückzulegenden Laufstrecken zwischen den einzelnen Haltestellen und Haustüren erneut an.

Ich ahnte das Schlimmste. Umso mehr strahlten meine Augen, als er vorgestern anrief und die vollständige Genesung verkündete!

Nun gibt es noch zweimal 24 Stunden Zinksalbe und dann aber wieder zurück auf die Straße, in die Kurven und den Rest der Stadt. Ich küsse die Kiesel zum Dank, dreimal jeden Einzelnen, in Zukunft werde ich Bordsteinkannten, Schotterpisten konsequenter meiden und dem Grünen das Stahlschloss doppelt um den Hals wickeln, wenn ich es stehen lasse. Halleluja.