Gelüste

Weißabgleich.

Keine Fahrt ins Blaue, keine Blumen auf der Fensterbank, auch keine Tulpen im Glas. Stattdessen unter den eigenen Achseln Bubiköpfe pflanzen, unsichtbar den linken, den rechten adrett coupiert mit Ausguck zur Halsschlagader. Statt Haupthaar. Herr L. weiß um meine heimliche Sehnsucht nach einem Brusthaartoupet, wendet aber gegebenenfalls das Gespräch geflissentlich gen wolkenlose Strände. Ich poche jeweils auf deren Lasterhaftigkeit, von wegen jungfräulich rein und säuselnden Palmen im Wind. Teerschlammdünen verscheuchen selbst Krustengetier und eignen sich nur bedingt zu meditativen Sit-ins.

Herr L. lacht und deutet auf meine Füße, die Worte kaut er streng nach Packungsbeilage dreißigmal. Nordworte, wie die drei Container Packeis, unter dem strengen Blick seines linken Nasenflügels sogar weit öfter. Der rechte zittert meist gleichgültig, wartet auf Melodien jenseits des Zusammenhangs. Kontextlose Arabesken würde er sich wünschen, ließe man ihn an die Jukebox. Allein, das letzte Mal um seine Meinung gebeten wurde er 1983 auf einer Zugreise an die Nordsee. Er erinnert sich ungern, weiß aber seitdem das Strandspaziergänge durstig und Seeluft hungrig machen.

Wenn jetzt einer was sagte, wäre das Fernweh sichtbar, so aber bleibt es subkutane Geräuschkulisse braungebrannter Burschen auf selbstgemachten folkloristischen Instrumenten. Herr L. hat die Augen unter doppeltgefalteten Lidern geschlossen, ich bewundere seit jeher seine ausgefeilte Origami-Technik. Mein Sehnerv bleibt horizontal fixiert, übt sich im gegen den Wind Schauen und lacht sich ob der Raufasertapete ins imaginäre Fäustchen. Eine Sprache wäre schön, eine nomadisch veranlagte, wildgewachsene Uferlose mit Catsuit und Tarnkappe.

Gestern

Speronis Spirenzchen

Von den Texten Sperone Speronis, Sohn des Bernardino Speroni, Beinahe-Lehrer des Torquato Tasso, der seinerseits im Dienst des Guglielmo Gonzaga stand, wird gesagt, sie paradoxalisierten. Dabei schränkt er dialogische Geltungsansprüche von Komödienparallelen ein. Im Übrigen ist Speroni Professor für Logik. Und für Philosophie. Nebenbei ist er Jurist. Und Theaterautor. Seine ersten Dialoge fielen der Zensur zum Opfer, bei seiner Verteidigung verglich er die Charaktere seiner Dialoge mit den Kochzutaten Brot, Fisch, Anchovis, Mehl, Pfeffer und Thunfisch, sich selbst mit dem dazugehörigen Koch. Er konnte nicht überzeugen, seine Werke landeten auf dem Index.
Zuletzt stellte sich Sperone Speroni die Frage nach der Kunst der Geschichtsschreibung. Er zweifelte, ob es überhaupt eine sei. Er begann einen Dialog über diese Frage, den er leider nie zu Ende schrieb. 1588 starb er in Pisa ohne Antwort.

Spätestens Hegel gab sie unmissverständlich in seinen Vorlesungen über die Ästhetik:
»Dennoch gehören auch diese schönsten Produkte der Geschichtsschreibung nicht der freien Kunst an, ja selbst wenn wir auch noch die äußerlich poetische Behandlung der Diktion, Versmaße usf. hinzutun wollten, würde doch keine Poesie daraus entstehen. Denn nicht nur die Art und Weise, in der die Geschichte geschrieben wird, sondern die Natur ihres Inhaltes ist es, welche sie prosaisch macht. Wir wollen hierauf einen näheren Blick werfen.«
Innere Werte also, Substanz, nix Spirenzchen.