Gestik

Monochrom

Ich möchte meine Kletten nicht missen, möchte sie mich umranken wissen. Ich möchte das Grün weiterhin hören, das Nuscheln der Flechten unter meinen Achseln, das Summen des Mooses auf meinen Knien, das Gezirpe der Sukkulenten im Nacken. Ich trage den Wald mit mir, die Misteln, die sich zwischen meine Finger webten, so dass die Faust ein Ding der Unmöglichkeit wurde. Farnplantagen unter meinen Fußsohlen erübrigen das mühselige Schuhbinden, spenden Feuchtigkeit und Wärme, schützen die Ballen. Die Ferse bleibt hornlos weich, es geht sich wie auf Torf, nachwachsend. Gelegentlich bis regelmäßiges Fußbad – Eichenrinde oder Kamillenblüte – tut allerdings Not, Farn gehört in der Beziehung zur Familie der Reispflanzen.

Meinem Wald aber fehlen die Bäume, die meterdicken Stämme, die sich zu einer Säule in meiner Leibesmitte sammelten und doch Lichtungen böten für junges Grün. Für das helle Zarte, für Gräser und Schachtelhalme, indem sie ihm das dunkle Kräftige gegenüberstellten, undurchdringbar. Es fehlen die weitausgreifenden rauschenden Kronen, die mein Gesicht verschatten könnten, es bergen bei Kälte und Wind. Mit von einer bunten Schar Epiphyten bewachsener Äste, die hielten was sie in ihre Zweige packten, Jahrzehnte und länger noch. Samt Gabelungen, die baumauf, baumab Wege böten mit oder entgegen der nahtlos rindenbedeckten Maserung.

Behutsam möchte ich deinen Blick, mir das Moos lassend.

Gelage

Die Welt in Händen

Früher, da gab es täglich Globuli. 11 Weiße vor dem Essen und drei Hellgelbe danach. Es galt sie unter der Zunge zergehen zu lassen, nicht etwa auf der Zunge. Das fiel mitunter schwer, gerade wenn das Essen schon zum Verzehr bereit stand, denn unter der Zunge schmolzen sie ungleich langsamer. Geradezu quälend langsam. Der süßliche Geschmack, der sich übelerregend aber gemächlich im Mundraum ausbreitete, wenn die wartende Mahlzeit beispielsweise aus Schinkennudeln bestand, fettglänzend salzverkrustet und verführerisch duftend.
Man musste sie sorgfältig abzählen, obwohl bei ungünstiger Beleuchtung der Unterschied zwischen Weiß und Hellgelb schwer zu erkennen war. Unabhängig von der Farbe aber waren sie gut. Durch und durch und egal von welcher Seite zuerst beleckt. Die einzige Bedingung bestand in der regelmäßigen Einnahme und dem unbedingten Glauben an ihre Wirkung.

Heute bin nicht nur ich viel größer, auch die Globuli in meinen Händen sind zu bisweilen mannshohen Globen angewachsen. Sie wölben sich nicht mehr unschuldig weiß, sondern in allen Farben von Preußisch Blau über Haselnussbraun hin zu Perlmutt changierend. Und statt unter meine Zunge gilt es, sie in doppelt gesicherte Vitrinen zu verfrachten, vorteilhaft beleuchtet und von allen Seiten zu bestaunen. Die fordern keinen Glauben, nicht einmal Betrachtung, sie sind in sich selbst ruhende Universen, Abbilder unseres täglichen Einerlei, prall, knackig und unbelastet von jeglicher Cellulite gerundet. Hinter einbruchsicherem Glas versprechen sie mir tagtäglich die sieben Weltmeere, den Himalaya, den Mariannengraben, Patagonien, die Malediven – unerreichbar selbst für meinen Zeigefinger: die Welt.

Einstweilen durchblättern meine linken Fingerkuppen das Ich von Kopf bis Fuß, während die rechten Strähnen zu Zöpfen flechten, asymmetrisch das Kinn betonend, das vom Kopf ausgehend, den Weg zum Bauch zeigt, unmissverständlich.