Gelage

Die Welt in Händen

Früher, da gab es täglich Globuli. 11 Weiße vor dem Essen und drei Hellgelbe danach. Es galt sie unter der Zunge zergehen zu lassen, nicht etwa auf der Zunge. Das fiel mitunter schwer, gerade wenn das Essen schon zum Verzehr bereit stand, denn unter der Zunge schmolzen sie ungleich langsamer. Geradezu quälend langsam. Der süßliche Geschmack, der sich übelerregend aber gemächlich im Mundraum ausbreitete, wenn die wartende Mahlzeit beispielsweise aus Schinkennudeln bestand, fettglänzend salzverkrustet und verführerisch duftend.
Man musste sie sorgfältig abzählen, obwohl bei ungünstiger Beleuchtung der Unterschied zwischen Weiß und Hellgelb schwer zu erkennen war. Unabhängig von der Farbe aber waren sie gut. Durch und durch und egal von welcher Seite zuerst beleckt. Die einzige Bedingung bestand in der regelmäßigen Einnahme und dem unbedingten Glauben an ihre Wirkung.

Heute bin nicht nur ich viel größer, auch die Globuli in meinen Händen sind zu bisweilen mannshohen Globen angewachsen. Sie wölben sich nicht mehr unschuldig weiß, sondern in allen Farben von Preußisch Blau über Haselnussbraun hin zu Perlmutt changierend. Und statt unter meine Zunge gilt es, sie in doppelt gesicherte Vitrinen zu verfrachten, vorteilhaft beleuchtet und von allen Seiten zu bestaunen. Die fordern keinen Glauben, nicht einmal Betrachtung, sie sind in sich selbst ruhende Universen, Abbilder unseres täglichen Einerlei, prall, knackig und unbelastet von jeglicher Cellulite gerundet. Hinter einbruchsicherem Glas versprechen sie mir tagtäglich die sieben Weltmeere, den Himalaya, den Mariannengraben, Patagonien, die Malediven – unerreichbar selbst für meinen Zeigefinger: die Welt.

Einstweilen durchblättern meine linken Fingerkuppen das Ich von Kopf bis Fuß, während die rechten Strähnen zu Zöpfen flechten, asymmetrisch das Kinn betonend, das vom Kopf ausgehend, den Weg zum Bauch zeigt, unmissverständlich.

4 Gedanken zu „Die Welt in Händen“

  1. dr.no sagt:

    Einmal ersetzte ich als Kind eine defekte Birne in meinem Leuchtglobus durch eine 100W Lampe die den Nordpol antaute.

  2. kopffuessler sagt:

    Vielleicht träum’ ich darum allnächtlich vom Packeis.

  3. King Fisher sagt:

    Unerreichbar ist doch nur der Mariannengraben.
    Und davon auch nur der Boden.

    Aber nehmen wir einfach kleinere Globen. Ist es nicht schön, die Welt in den Händen zu halten?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.