Gelüste

Kollege am Nachbartisch

Immer wenn, wüsste ich nicht wieso und warum und überhaupt, und Du sitzt da, mit Deinem verstrubbelten Haar und Deinem dicken Wintermantel – Hugo Boss entdecke ich gerade das Etikett – und ziehst meinen Blick auf Dich. Wer bist Du, was schreibst Du da seitenweise und wieso sitzt Du am Sonntagnachmittag in meinem Lieblingscafé, trinkst einen Milchkaffee – nein, Du trinkst Latte – nach dem anderen, isst leckeren Kuchen und ziehst auf den Wechsel von Sonne, Wind und Regenschauer reagierend, Mantel und Pulli und Strickjacke an und aus.
Ich habe zwar meine Textgliederung nebenbei fertig geschrieben, aber eigentlich beobachte ich nur Dich und Dein leicht angespanntes Gesicht hinter der lila (sic!) getönten Brille, lauere auf den Moment, da Du Dich noch mal lächelnd aufsetzt und, mich minimal beschämt anlächelnd, die Jacke wieder aus, und dafür den Pulli anziehst. Wie nur wie geb’ ich Dir – originell, schüchtern und forsch zugleich, lässigst – meine Nummer?
Neben mir, vor und hinter mir, verliebt flirtende Pärchen jeden Alters die sich Kuchenstücke zwischen kokett gespitzte Lippen schieben. Pah! Du aber füllst Seite für Seite während ich eigentlich nach Hause müsste, aber nicht vor Dir gehen möchte. Nicht gehen möchte, solange noch Momente in Deiner Nähe möglich sind. Möchte lieber, dass Du gehst und mir bogartesk Deine Nummer zusteckst. Damit ich – in naher Zukunft – durch Deine Haare fahren, Deinen Mund lächeln machen und mit Hähnchenstückchen füttern und mich dabei in Deinen Arm schmiegen kann.
Mist, schon packst Du zusammen, lockerst Deine Schultern als Du Dich aufrichtest – gern würde ich meine Hände in ebendiese verspannten Muskelpartien vergraben, Deinen Nacken massieren. Dabei weiß ich nicht einmal Deinen Namen, weiß weder was Du machst noch wie Du riechst und ehe ich den Nahkampf proben könnte, bist Du auch schon um die nächste Ecke verschwunden. Und da es regnet und ich unbejackt in den Nachmittag gestartet war, kann ich Dir nichteinmal unauffällig folgen. Tant pis.

Gedanken

eererpietungen und e7 nach h11

“It’s just a slow day movin’ into a slow night…”
singt Kristin und meinereiner Leib und Seele machen den Backgroundchor. Textchen aus lyrics zusammenbasteln wäre jetzt verführerisch, hätte jedoch den schalen Beigeschmack des uninspirierten Eklektizismus, den ich doch gerade beim Ausdrücken des mir Innewohnenden zu vermeiden suche. Und so ringen nach Worten die Lippe, die Zunge, auch der Rachen.
Ein Tag voller Begegnungen lässt mich verstummen ob der bloßen Lebendigkeit die mir da gegenübertritt. Ich bleibe staunend stumm und frage mich nur manchmal kurz wie so viel Leben in mein Gegenüber passte und wo ich die falsche Abzweigung wählte die mich statt auf die Bühne in den Orchestergraben führte.
Ich applaudiere hier heimlich, stöhne da lautlos bewundernde Ahs und Ohs und belasse es ansonsten bei aufmerksamem Lauschen. Ehrerbietung.

Und da tut es gut, dass der Numismatiker mir an der Imbissbude doch tatsächlich Das leidenschaftliche Spiel hinterlegt hat samt schönem Gruß, macht es mich doch teilhaben an diesem Mysterium Leben. Morgen wird ich mir ein paar Seiten daraus gönnen und über den Schachbriefen dann meinem Ich hoffentlich eine neue Chance geben können statt immer nur langsamen Nächten die langsamen Tagen folgen.