Gedanken

Unter Medusas Lächeln

Marmornen Fußes versucht Medusa mir gegen Ende des Morgens meine tägliche Portion verschwörerisches Lächeln durch die ungeputzten Scheiben zukommen zu lassen. Heute mangels solarbetriebener Mundwinkelkrümmung vergebens, dafür küsst ein Paar sich, Medusas Blick entzogen eine Häuserecke weiter weltvergessend. Prompt spürt mein rechtes Handgelenk den Willen der einzelnen Finger seiner Hand, die unwillkürlich nach fremder Haut tasten. Ihre Kontraktionen strahlen bis weit über den Ellbogen hinaus, kitzeln gar das Schulterblatt und den ihn umgebenden Schmerz wach.

Einen Schluck Kaffee später bereits, ist das Paar verschwunden und Medusa beehrt mich mit gönnerhafter, leicht spöttischer Aufmerksamkeit. Es träumt sich gut südwestlich ihres Wangenknochens und doch zieht es am Ende des Tages einen jeden und auch mich gar hastigen Schrittes in die nächste Gasse, Schutz zu suchen vor nicht nur ihrem Blick, und sei sie noch so schmal. Und mitunter wäre ich um eine Sonnenbrille, blickdichte Strümpfe und die Möglichkeiten einer lautlosen Gardinenstange dankbar.

Die lauwarme Tasse umklammert, zügle ich die Reichweite meines Augenlichtes, angepasst an die schlierigen Doppelglasscheiben. Auch mein Lächeln darf nurmehr bis zum Türknauf säuseln, jenseits liegt nun Sperrgebiet. Für heute zumindest gilt es, die Konzentration auf die Fingerspitzen zu richten und Medusa links liegen zu lassen. Im Regen stehen. Eiskalt. Ungeküsst. Spoliencharme hin oder her, ich habe zu tun.

11 Gedanken zu „Unter Medusas Lächeln“

  1. mkh sagt:

    Marmornen Fußes? Achten Sie nicht auf ihr Lächeln, wenn Sie mit der verschwörerischen Gorgone sprechen. Ehe Sie zu Stein erstarren, sie wissen schon….

  2. kopffuessler sagt:

    Stein bin ich schon, Kopfstein mitohne Pflaster. Darum auch ihr verschwörerisches Lächeln, wir sind vom gleichen Bruch. Es entfernt übrigens das unter den Fersen wuchernde Moos.

  3. mkh sagt:

    Nichts gegen Steine, sie erzählen Geschichte und bergen Weisheiten, die wir Bioformen nicht nachvollziehen können, weil wir zu schnell wirr in unsere Bestandteile zerfallen. Dennoch hat auch das Bioformendasein seine mehr als herausfordernden Aspekte, um die uns manch ein uraltes Gestein heimlich und still beneidet.

  4. mq sagt:

    Die könnte klimabedingt zum Wochenende optimiert werden. Habe ich gehört.

  5. kopffuessler sagt:

    Der Neid der Steine, mkh? Ich weiß ja nicht… Ich wünschte mir jedenfalls mitunter die Maserung eines Nußbaums.

  6. kopffuessler sagt:

    @ mq, ich hab die Optimierung jedenfalls für die Mundwinkel meinereiner mit einer Fahrt gen Süden nachgeholfen. Und kann das nur jedem empfehlen, sie sind agil wie lange nicht mehr.

  7. mkh sagt:

    Die Maserung des Nussbaums geht allerdings nur über seine Leiche; ein richtiger Walnussbaum wurzelt tief und trägt seine Maserung ungesehen in sich wie eines der gut behüteten Geheimnnisse, die wir alle in uns tragen.

  8. King Fisher sagt:

    Aber, lieber , manche Maserung ist dennoch allzu offensichtlich. Da bedarf es keines Ablebens; was ja auch – oder insbesondere – seine Reize haben kann.

  9. kopffuessler sagt:

    Lieber ein toter Nussbaum – kann Holz tot sein? -, geschnitten und in Borken-Camouflage am Stück als Eiche rustikal, in welchem Aggregatzustand auch immer, find ich.

  10. mkh sagt:

    /Königsfischer
    Da hast du recht, wenn man die Masern hat, das sieht jeder!
    Und: Diese Reize kenne ich noch nicht resp. erinnere mich nicht mehr…

    /Kopffüßlerin
    Gegen eine rustikale Eiche sach ich gar nix! Aber Eiche rustikal ist zum Kopf-vor-auf-die-Bäume-Springen…

  11. kopffuessler sagt:

    mkh, Calvinos ‘Baron auf den Bäumen’ schonmal gelesen?

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