Geliebte

Nimm mich mit, Kapitän, auf die Reise!

Ich war 12, als er mir das Herz brach, und 19, als wir uns endlich versöhnten. In der Zwischenzeit hatte ich ihm zahlreiche Briefe geschrieben, er hat meine Pubertät wahrscheinlich also gar nicht so verpasst, wie er sich das gewünscht hatte. In den 12 Jahren davor aber war er mein Held, schließlich konnte er nicht nur Hochbetten bauen und Dächer decken, hatte eine Kreissäge im Wohnzimmer stehen und mit einem VW-Bus Norwegen erobert. Er war neben meinem Vater der einzige Mann, der mich auf den Arm nahm – stocksteif machte ich mich wenn er mich in die Luft hob. Kaum einer war so stolz auf mich wie er und so war er der erste, der mir Blumen schenkte, zum ersten Blockflötenkonzert war das damals. Von ihm lernte ich Colatrinken, Taxifahren, Schmerzen ertragen, Fernsehen, Gulaschkochen, Sommerrodeln, Einsamkeit, Geldausgeben und bestimmt noch vieles mehr. Das schönste seiner Geschenke aber waren die vielen Ausflüge, mal übers Wochenende, mal nur für eine Nacht, die Abenteuer im Geiste und die Lust auf den nächsten Moment.

Über drei Jahre ist es her, dass ich ihn das letzte Mal umarmen durfte, da war dieser 1,90-Mann so leicht geworden, dass ich ihn hätte über die Schwelle tragen können. Stattdessen schob ich ihn durch den Garten des Riehener Hospizes hin zu einer letzten Tasse Kaffee samt Zigarette. Seine Hände waren kräftig geblieben und gelb von ich weiß nicht wievielen Packungen Rothändle, später HB. Sein Kopf aber war schmal geworden, die Koteletten hatte man ihm abgenommen, dabei war er einer der wenigen gewesen, dem sie gut zu Gesicht standen. Den Kaffee wollte er nicht mehr trinken, lieber zwei Zigaretten rauchen. Heute besuche ich ihn auf den Wiesen des Hörnli-Friedhofes, am liebsten spätabends mit einer glühenden Zigarette im Mundwinkel und einem guten Plan fürs nächste Wochenende im Kopf, von dem ich ihn begeistern möchte. Meistens gelingt es.

9 Gedanken zu „Nimm mich mit, Kapitän, auf die Reise!“

  1. kopffuessler sagt:

    Ich hab trotzdem noch ein bißchen Text dazu geschrieben.

  2. Anonymous sagt:

    Schön, Sie beide!

  3. schneck sagt:

    Wie ein großartiger Flugkapitän mit einer kleinen Stewardess! Und die Koteletten, ja!

  4. kopffuessler sagt:

    @Anonymous: Ja, das waren noch Zeiten!

    @schneck: Koteletten, du auch?

    @ King Fisher: man sollte sich öfter auf den Arm nehmen und mit blicken den Horizont erobern, nicht?

  5. kid37 sagt:

    Schöner Text. Und ein schönes Foto. Man kann Sie wirklich erkennen.

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