Gedanken

Heute spielen die Blätter mit dir

Wald und Wolken | © Anne Seubert

Die Blätter spielen mit dir, Licht und Schatten; Du tanzt, das Bier noch in der Hand, die Schüchternheit im linken Zeh, und doch, es ist das Grün, das du trägst, in Schichten und Scharten, in Spitzen und Blattnarben, es juckt dich in den Knospen zu blühen, noch zierst du dich zitternd, zwei Hände voll der Hoffnung mit Hosenträgern und einem im Arm, der dir das Wasser reicht.

Es grünen zu lassen, strotzend, labend sich vor Grün, alle Neune grün sein lassend vor Zehn und auch 11 noch, die Blattgefechte austragen zu lassen zwischen dem Hell der Saumspitzen und dem Dunkel des Efeu, der sich die Mauer einverleibt, Ranke für Ranke, als wäre das Frühstück ausgefallen und der Kaffee kalt.

Du hattest nicht einen Zeh im Wasser, doch das Wasser ist dir nicht fremd. Es fließt in der Faser deines Kleides, wölbt den Schwung deiner Braue, die du hebst, wenn die Blüten sich aufschwingen zu Sonne & Licht und du die Stimme nicht heben musst, nicht räuspern, nur einmal rauschen und das Blattwerk des letzten Monats beben machen und wir stehen stramm vor deiner Frucht: Grün wie Gott  sie schuf, dieses Grün, das uns Hoffnung und Schimmer und ewige Jagdgründe zugleich, Fuß bei Gewehr.

Licht und Schatten bekleidest du im Vorübergehen, dem Farn den großen Auftritt bereitend im Unterholz, da wo das Warme rar und das Feuchte reich an Salzen und Tönen, an Gewicht auch und an Geschmack. Grün auf der Zunge, im Kragen, am Hut, im Herze, in der Lunge und auf dem Blatt, das du umschlägst als du die Seite wechselst, Waldrand, Baby!

Der Wind, der durch die Knochen dir fährt, nimmt mit, was dir wie Moos sich in die Gelenke gelegt hatte, als die Stille zwei Minuten die Luft angehalten hatte und du Atem für zwei übrig hattest. Ein, fragst du, und ich hauche den Umlaut dir zwischen die Lippen, wie einem Kind den zu heißen Bissen.

Ich trag das Moos dir ab, das du auf dem Schultern trugst, wie einen doppelten Kragen, dein Schulterblatt geschützt vor Sturm und Stößen, vor Blicken und Frost, ich schmiege meine Wange ins Weich deiner Achseln, Wimper für Wimper in dein Dunkel führen, die Zartheit erobernd, die du nicht preisgibst, die sich nicht verzeichnen lässt, würde man sich dir kartografisch nähern.

Der Wind, der dir durch die Knochen fährt, erzählt mir von den Stellen, die meine Finger nicht fanden, als sie dein Land betraten. Er lotst mich vorbei an den Hochebenen deines Rückens, den Grat hinan, auf zu den Plateaus deiner Lenden hinter den sieben Mulden, bei den siebzehn Schrunden, die dein Becken nur freigibt, wenn du nickst, wenn du die Arme fallen lässt und den Nacken bloßlegst.

Ich mag es, mir vorzustellen, wie ich Wald wäre auf deinem Land. Wich ich Moos wäre, die dem Wetter zugewandten Flanken bergend, mich zwischen dich und den Regen stehlend, mir dich einverleiben, meine Wurzeln in dich schlagen, erst mit Blicken dich vermessen, mir Erde dich fruchtbar machen und dann ankern, da wo ich landen möchte.

Ich mag Baum sein auf deinem Land, deine Hügel erklimmen,  Buschwerk vorantreiben, Almen anlegen und einen flirrenden Birkenhain. Ich mag meine Jungbuchen unter deine Fittiche geben und eine Lichtung einräumen für dich, mich und zwei Sonnenstrahlen.  Wirbel für Wirbel den Puls des Wassers tastend, das du unter der Brust trägst, über die Schwelle und durch den Wald.

Der Bach, der sich durch deinen Wald tastest, stellst du mir vor, als wir das Lager aufschlagen, unterhalb der Biegung, die Lichtung vermutend, unter jedem Stein ein Stück Grund vermutend, das gehoben werden und zu den Akten gegeben werden möchte. Ein Zeichen weiter wartet der Boden, den du dir suchst, der die Zeit noch nicht in den Knochen, das Wasser noch nicht tief genug, für den Kiel, der deine Feder schmückt.

Ich möchte ein Boot sein,  ein Einbaum, in Wellen geborgen, ein Scheitel in deinem Haar, im Wasser zu Hause, ich möchte die Schönheit deiner wilden Wälder unter dem Pony tragen, Welt, und das Flüstern deiner Wiesen im Mundwinkel, wie die Kippe, die du mir rausküsst. Flaschendrehen. Flaschenpost. Postbote. Boot, das auf Wellen schaukelt.

Löwenmäulchen schenkst du mir im Traum, den meine Lider zum Frühstück servieren, es fiel schwer heute, das Licht einfallen zu lassen, es maßt sich an, über die Dunkelheit zu richten, dabei ist Dämmerung das was einbricht, den Tag aus dem Käfig lockt, Löwin, lachst du und küsst mir die Pranke, die Krallen in den Abend reichend, der uns beide lobt und die Stille ausbreitet, in, aus, über. Breit.

Diese Stille von gestern schreit heute fast. Die Wut von morgen lispelt heute noch beinahe zärtlich. Das Wasser der Berge, aus denen du herabsteigst, Morgen, trägt den Tag unmissverständlich grünend auf der Zunge, die alles ausspricht, was nicht bei drei im Tal. Heute spielen wir.

Heute spielen die Blätter spielen mit dir, Licht und Schatten, Du tanzt, das Bier noch in der Hand, die Schüchternheit im linken Zeh, und doch, es ist das Grün, das sich anschickt, auszutreiben und dem Horizont einen Kuss auf die Stirn zu geben, Mut und Schicksal zugleich.

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