Kann nicht anders, als zu pfeifen
der Morgen, der Wald,
so blau!
Ozaki Hōsai, 1926
Was könnte unpassender sein, gewagter, womöglich sogar provokanter als diese drei Zeilen aus einer anderen Zeit? Ein Mensch, der pfeift, ein blauer Wald, die Weltlage hat so gar keinen Auftritt. Seine im original natürlich japanischen Haiku-Gedichte kommen mit einer Leichtigkeit daher, die es in sich hat, gerade weil ihr nicht ganz zu trauen ist. Denn wer Hōsais Leben kennt, das geprägt von Einsamkeit, Krankheit und Scheitern, weiß, dass hier keiner pfeift, weil alles in Ordnung wäre. Und pfeift doch und vielleicht gerade deshalb.
Hōsais einziges Buch, Daikū – „Großer Himmel“ –, erschien 1926, in seinem Todesjahr, postum. In der deutschen Übertragung genügen ihnen wenige Zeilen, um einen Augenblick in ein Passepartout zwischen zwei Atemzügen zu zähmen, im japanischen Original passen sie alle sogar in eine, allerdings vertikal verlaufende. Einen Morgen anzuhalten, wer möchte das nicht zuweilen, in diesen Momenten bevor der Tag um einen erwacht und die Nachrichtenlage einen erwischt. Innehalten im Blau, in der Wahrnehmung eines Waldes und dann pfeifen müssen, weil Schweigen plötzlich die unpassendere Antwort auf all das Glück wäre. Vielleicht liegt darin bereits eine kleine poetologische Schule der Gegenwart. Nicht alles, was uns ereilt, im selben Augenblick zu erklären, zu bewerten oder einer Maßnahmenliste zuzuführen! Manches möchte zunächst genüsslich wahrgenommen werden, und danach darf es „auf poetisch“ mit anderen geteilt werden: nicht als Fakt, sondern als Empfindung, als Klang, als etwas, das zwischen Menschen erst ins Schwingen gerät, das geteilt doppelt hält, was es verspricht. Der Sommer zum Beispiel. Eine Hängematte zwischen Sternen. Und wir uns darin fläzend, für einen Augenblick aus der Eile gefallen, während die Weltlage selbstverständlich keine Pause macht, die ist in dieser Hinsicht ja ausgesprochen dienstbeflissen.
Der Haiku, Giacometti unter den Skulpturen
Man stellt sich den Dichter ja gern als einsamen Gesellen vor, aber meine These wäre, Gedichte, Lyrik ist in all den mir bekannten Traditionen der Versuch, sehr persönliche Empfindungen zu teilen, die man in natürlicher Sprache nicht auszudrücken vermag. Auch der Haiku, der ja der Inbegriff des Solitär, auf das Wesentliche verknappt, der Giacometti unter den Skulpturen. In seiner Tradition allerdings war er eher gegenteilig angelegt, seine Ahnen waren sogar sehr gesellig, waren Teil von etwas gemeinschaftlich geschaffenem und zum Teilen gedacht. Das hokku nämlich, aus dessen Geschichte sich das moderne Haiku entwickelte, eröffnete ursprünglich eine Folge miteinander verbundener Verse, ein renga. Eine Stimme begann, die nächste nahm den Faden auf. Poesie als Staffelstab, als frühes Rudel-Schreiben, wenn man so will – wobei das Rudel beträchtlichen Wert auf Form und Handschrift legte. Das spätere Haiku steht schon mehr für sich; in seiner Vorgeschichte aber klingt noch die Erwartung einer Antwort nach. Und auch andere japanische Gedichte wurden auf kostbar gestaltete Karten geschrieben. Quadratische shikishi und schmale tanzaku trugen Verse, Kalligrafien und Bilder; sie wurden gesammelt, zu Alben gebunden oder auf Stellschirme montiert.
Die europäische Lyrik kennt das so nicht, oder? Der Minnesang war ein einsamer Rufer, der Chronist ein Einzelgänger wenn auch dem Hofe gegenüber loyal. Aber gemeinsam verfasste Gedichte? Manifestos ja! Verfassungen ja! Und in heutiger Zeit auch Krimis und vor allem Drehbücher. Einzig das Poesiebuch fällt mir ein, als Format und Kulturtechnik, ein Buch, in das sich mehrere Personen eintragen durften, mehr oder minder lyrisch, aber durchaus mit Blick auf Form und Gestaltung. Die Traditionen sind nicht gleichzusetzen, gemein ist ihnen jedoch die dahinterliegende Geste: Ein Buch wird in mehreren Handschriften geschrieben, eine soziale Praktik steht dahinter und der Sinn ist ein verbindender. Jetzt möchte ich es genauer wissen: Wie kamen wir zu den Poesiealben, die in meiner Jugend aus keinem Klassenzimmer wegzudenken waren, die uns den Umgang mit Scham, sozialem Erwartungsdruck und Klebebildchen lehrten, und auf den Blick erstmal sehr harmlos daherkamen, wenn auch häufig mit einem Schloss versehen, erinnere ich mich ? Und wie sähen die heute aus? Es geht weit zurück in die Frühe Neuzeit!
Seit dem 16. Jahrhundert: Tintenkleckse und Schnörkel
Seit dem 16. Jahrhundert reisten Studenten, Gelehrte, Kaufleute und Adlige mit sogenannten alba amicorum durch Europa. Weggefährten, Lehrer und möglichst eindrucksvolle Bekanntschaften hinterließen darin Widmungen, Wappen, Sinnsprüche, Zeichnungen und Namen. Die Bücher bewahrten Erinnerungen, aber nicht nur. Sie zeigten auch jedem, der das Buch in die Hände bekam, wen man kannte und wer einem wohl gesonnen war: Networking, bevor das Wort so klang, als müsse man dazu ein Namensschild tragen. Später zog das Stammbuch aus der gelehrten Männerwelt in bürgerliche Häuser und Kinderzimmer. Aus dem repräsentativen Beziehungsarchiv wurde das persönlichere Poesiealbum, besonders beliebt bei Mädchen: ein intimer Speicher früher Freundschaften, guter Wünsche, moralischer Zumutungen, Tintenkleckse und Schnörkel. Rosen, Tulpen und Nelken bewältigten darin botanisch fragwürdige Mengen an Vergänglichkeit. Das Album wurde herumgereicht und kam zurück schwerer um Glanzbilder, Zeichnungen oder gepressten Blumen und im besten Fall leichter um die Illusion, ein Leben sei Einzelarbeit. Wer es aus der Hand gab, stellte eine leere Seite zur Verfügung und musste hinnehmen, dass jemand anderes sie auf seine Art füllte. Eine kleine Zumutung und Lektion in Kontrollverlust. Und vielleicht gerade deshalb eine frühe Übung in Prozessvertrauen. Das Erstaunliche am Poesiealbum war ja nicht nur, dass jemand etwas hineinschrieb, mindestens so erstaunlich war, zumindest nachträglich betrachtet, dass man das Buch hergab mit allem was bereits drinstand.
Zukunft begegnet uns heute nur selten als leere Seite. Sie erscheint bereits gut gefüllt: mit Prognosen und Fristen, Szenarien, Schadenskurven, Wahrscheinlichkeiten, Hochrechnungen und einer nicht enden wollenden Reihe von Kommentaren darüber, wie all diese Kommentare zu verstehen seien. Wir vermessen die Zukunft doppelt und dreifach, und gern hätten wir sie vollständig unter Kontrolle. Lyrische Anwandlungen wirken angesichts des Pflichtenhefts beinahe fahrlässig. Selbst die Überraschung verfügt inzwischen über ein Risikomanagement und hat kaum noch eine Chance, einfach vage zu bleiben. Wie schade! Der Soziologe Hartmut Rosa beschreibt moderne Gesellschaften als Systeme, die sich nur durch fortgesetztesWachstum, Beschleunigung und Innovation stabil halten können. Wir müssen schneller werden, mehr erreichen,Neues hervorbringen – nicht unbedingt, um irgendwo anzukommen, sondern um unseren Platz nicht zu verlieren. Selbst die Pause trägt inzwischen Turnschuhe. Die Welt wird dabei verfügbarer: erreichbar, berechenbar, bestellbar, abrufbar. Doch je entschlossener wir sie uns aneignen, desto eher droht sie zu verstummen. Rosas Gegenbegriff lautet Resonanz. Gemeint ist keine dauerhafte Harmonie, kein Gleichklang und schon gar nicht das freundlich temperierte Gefühl, das sich nach einem Waldspaziergang idealerweise einzustellen hat. Als Resonanz bezeichnet er unsere Beziehung zur Welt, in der etwas uns berührt, so dass wir darauf antworten, mit einer Empfindung, einer Reaktion, einer Verbundenheit, und aus der Begegnung verändert hervorgehen.
Zwischen „Alles wird gut“ und „Alles ist verloren“
Allein, die Wirkung lässt sich nicht planen, noch nicht einmal berechnen, Hingabe und Vertrauen sind gefordert, sonst wäre sie ja nur eine von vielen mittlerweile buchbaren Dienstleistungen. Man kann die teuerste Konzertkarte kaufen und trotzdem innerlich die Einkaufsliste ordnen. Man kann einen Wald besitzen, berechnen, bewirtschaften und kartieren, ohne sich ein einziges Mal von ihm ansprechen zu lassen. Oder man kann drei Zeilen lesen und plötzlich pfeifen! Bevor es zu Missverständnissen kommt: Es besteht kein Anlass, die Lage schönzuschreiben. Der Weltklimarat hält fest, dass sich das Zeitfenster für eine lebenswerte und nachhaltige Zukunft rasch verengt. Jeder weitere Erwärmungsschritt begrenzt Möglichkeiten einer klimaresilienten Entwicklung. Zugleich sind wirksame und zum Teil kostengünstige Möglichkeiten zur Emissionsminderung und Anpassung bereits vorhanden. Welche Entwicklungspfade wir einschlagen werden, hängt nicht von einem einzelnen historischen Moment ab, nicht von jedem einzelnen ab, oder zumindest nicht nur. Es sind die vielen aufeinanderfolgenden Entscheidungen staatlicher, wirtschaftlicher und zivilgesellschaftlicher Akteure – und jeder von uns. Unser Handlungsspielraum ist also weder unbegrenzt noch verschwunden, weder optimistisch noch pessimistisch zu bewerten, es bleibt die erwachsene Form von:
Es kommt darauf an.
Zwischen „Alles wird gut“ und „Alles ist verloren“ liegt ein weites, arbeitsreiches Gelände. Auf diesen Feldern entscheidet sich und genauer entscheiden wir, wie wir Energie erzeugen und Städte an heißen Tagen Schatten und Kühle bewahren, wie Böden fruchtbar bleiben, Wasser in der Landschaft gehalten wird und aus anfälligen Forsten vielfältigere Wälder werden. Es geht um bezahlbares Wohnen, soziale Sicherheit und Bildung, um das Wissen, Dinge zu reparieren, statt sie zu ersetzen – und um die demokratische Frage, wer bei all dem mitreden und mitentscheiden darf. Auf diesem Gelände steht kein einzelner Hebel mit der Aufschrift Zukunft, schon gar nicht dekorativ auf einem Berg mit Zufahrt und Leitsystem. Es gibt viele Hebel. Einige sind schwergängig, andere gehören Leuten, die ungern teilen. Gerade deshalb darf Hoffnung nicht mit guter Stimmung verwechselt werden. In der psychologischen Hoffnungsforschung wird sie als Verbindung von Ziel, möglichen Wegen und erlebter Handlungsfähigkeit beschrieben. Hoffnung heißt dann nicht: Ich bin sicher, dass es gelingt. Sondern: Ich erkenne ein erstrebenswertes Ziel, sehe Wege dorthin und halte mich oder uns für fähig, den nächsten Schritt zu tun.
Schluss mit Träumereien hin zu evidenzbasierten Zukunftsübungen
Die Forschung rund ums Klima liefert alles andere als Grund für ein bequemes „Positiv denken!“. Eine Metaanalyse von 46 Studien fand im Durchschnitt aber zumindest einen kleinen positiven Zusammenhang zwischen Hoffnung und Klimaengagement. Entscheidend dabei war, worauf sich die Hoffnung richtete. Hoffnung, die mit konkreten Handlungsmöglichkeiten und eigener oder gemeinsamer Wirksamkeit verbunden war, hing deutlicher mit Engagement zusammen. Eine Hoffnung hingegen, die darauf beruhte, es werde schon nicht so schlimm kommen, konnte höchstens beruhigen nicht aber bewegen. Rob Hopkins, Mitbegründer der Transition-Bewegung, arbeitet seit Jahren daran, auf der Grundlage kollektiver evidenzbasierter Zukunftszenarien, konkrete Handlungsschritte und Vereinbarungen auszulösen. Er fragt nicht weniger: Was müssen wir verhindern? Sondern eher: Wie sähe, basierend auf dem was wir wissen, können und seriös vorherzusagen in der Lage sind, ein Alltag aus, in dem wesentliche Veränderungen tatsächlich gelungen wären? In seinen Zukunftsübungen werden mögliche Welten nicht nur beschrieben, sondern probeweise bewohnt. Menschen gehen gedanklich durch Straßen, betreten Läden, hören Geräusche, riechen Essen, sprechen mit Nachbarinnen. Zukunft wird für einen Moment aus dem Diagramm entlassen. Hopkins’ jüngstes Buch How to Fall in Love with the Future versammelt historische und gegenwärtige Beispiele dafür, wie konkrete Zukunftsbilder gesellschaftliche Veränderung anstoßen können.
Ein Ausflug in die Verwandtschaftszeit gefällig? Ein Betriebsausflug der Fantasie?
Das mag zunächst nach einem Betriebsausflug der Fantasie klingen. Tatsächlich berührt es unser aktuelles gesellschaftliches Phlegma: Menschen sollen sich für eine Zukunft einsetzen, die in der öffentlichen Vorstellung meist als Verzichtsprogramm, Katastrophenfilm oder technische Präsentation vorkommt. Ein klimaneutrale Pflichtenheft löst keine Bewegung aus, ein klimamoralisch zertifizierte Utopie ist noch kein Ort, an dem man leben möchte. Die evidenztrainierte Vorstellungskraft ersetzt weder Emissionsminderung noch Anpassung, touché. Sie kann aber Ziele sinnlich und sozial vorstellbar machen und mit Sehnsucht zu besetzen. Wie riecht eine Straße ohne Autos im Juli? Was hört man, wenn auf dem Schulhof wieder große Schattenbäume stehen? Was wird möglich mit in Frage gestellten Zeit- und Besitzparadigmen und verfeinerter Wahrnehmung –um nur zwei zu nennen. Sicher ist, die Zukünftige wird anschlussfähiger, wenn sie Verben und Adjektive an die Seite gestellt bekommt: teilen, schützen, umbauen, widersprechen, pflegen, schnuppern, reparieren, zuhören. Frech, lecker, leise, flamboyant, unvorhergesehen, grasgrün und knallvergnügt.
Vor allem aber wird sie anschlussfähiger, wenn aus dem Ich ein Wir wird, ohne dass das Ich sich augenblicklich in einen sehr großen Sitzkreis setzen oder vor einem Tribunal rechtfertigen muss. Kyle Powys Whyte, Philosoph und Angehöriger der Citizen Potawatomi Nation, schlägt mit seinem Begriff der kinship time, der Verwandtschaftszeit, eine andere Erzählweise vor. Zeit erscheint darin nicht als langer Flur, auf dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ordentlich hintereinander ihre Türen haben. Sie entsteht in Beziehungen, Verantwortlichkeiten und wechselseitigen Verpflichtungen. Die Klimakrise wird so nicht nur als technisches oder meteorologisches Problem sichtbar, sondern auch als Folge beschädigter Beziehungen: Menschen, Gemeinschaften, andere Lebewesen und Orte wurden nicht als Gegenüber behandelt, sondern als verfügbar. „Krise“ ist für viele indigene Gemeinschaften zudem keine überraschende Unterbrechung einer zuvor intakten Welt. Kolonisierung, Vertreibung und der Verlust von Lebensgrundlagen haben längst Erfahrungen hervorgebracht, in denen das Weiterleben nicht auf Rückkehr zum alten Normalzustand hoffen kann.
Robin Wall Kimmerer, Botanikerin und Angehörige der Citizen Potawatomi Nation, verbindet naturwissenschaftliche Forschung mit Potawatomi-Wissen. In Braiding Sweetgrass und The Serviceberry denkt sie Gegenseitigkeit nicht als freundliche Zugabe, sondern als Konsequenz des Empfangens. Wer etwas erhält, tritt in eine Beziehung ein. Die Gabe erzeugt eine Antwort: Fürsorge, Zurückhaltung, Dank, Weitergabe. Solche relationalen Perspektiven sind nicht nur poetisch attraktiv. Der Weltbiodiversitätsrat IPBES hält fest, dass Natur auf Gebieten indigener Völker im Allgemeinen weniger schnell zurückgeht als andernorts, obwohl auch diese Gebiete unter wachsendem Druck stehen. Mindestens ein Viertel der globalen Landfläche wird traditionell von indigenen Völkern besessen, genutzt, bewohnt oder bewirtschaftet; diese Gebiete überschneiden sich in erheblichem Maße mit Schutzgebieten und vergleichsweise wenig beeinträchtigten Landschaften. Das ist kein romantischer Beweis einer angeblich natürlichen Harmonie, sondern verweist auf Wissen, Institutionen, Rechte und langfristige Verantwortungsbeziehungen. Vielleicht liegt darin eine entscheidende Verschiebung: Die Zukunft ist nicht nur das, was nach uns kommt. Sie ist bereits Teil der Beziehungen, die wir heute eingehen, pflegen, beschädigen oder verweigern.
Die Zukunft und wir: Letzte Ausfahrt Paartherapie?
Verweigern war schon beim Poesiealbum keine wirkliche Option. Das Poesiealbum, das zwischen Klimaberichten, Hoffnungstheorien und Verwandtschaftszeiten ein wenig aus dem Blick geraten war. Aber hey, gute Bücher können das aushalten. Das Poesiealbum wurde mit der Bitte weitergereicht, etwas hineinzuschreiben, das begleiten und bleiben durfte. Seien wir ehrlich, nicht jeder Eintrag war originell oder auch nur ästhetisch oder inhaltlich wertvoll. Die Geste war meist bedeutsamer als der Inhalt: Jemand nahm sich Zeit, wählte Worte aus, setzte sie in Schönschrift aufs Papier, radierte Hilfslinien weg und fluchte leise, wenn die Tinte noch nicht ganz getrocknet war, bevor er mit dem Ärmel drüberstrich. Oder etwas heroischer: Jemand übernahm für eine Seite von vielen die Verantwortung! Das bringt mich auf eine Denksportaufgabe: Was wäre, wenn wir unser Ego ein wenig eindampften und uns für einen Moment als Poesiealbumgäste der Zukunft verstünden? Nicht als ihre Besitzerinnen, und weder als ihre Zerstörerinnen noch als ihre Retter. Denn Zukunft ist keine Textaufgabe, die sich bei genügender Konzentration oder ausreichender Expertise lösen lässt. Schuld und Verdammnis bringen uns nicht weiter. Und weder rechtlich noch philosophisch lässt sich das Dilemma zufriedenstellend lösen. Nun also, was würde möglich, wenn wir uns in Bescheidenheit und Demut übten und uns vorübergehende Gäste in einem Buch verstünden, dessen Anfang wir nicht geschrieben haben und dessen Ende wir nicht lesen werden.
Eine Seite ist uns anvertraut. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger. Wozu wollen wir sie nutzen? Formeln? Ermahnungen? Hashtags? Reime?Die Zukunft würde vermutlich nicht danach fragen, wie gut wir reimen konnten. Vielleicht wollte sie wissen, worauf sich unsere Hoffnung stützte. Welche Wege wir öffneten. Was wir schützten, teilten, reparierten oder sein ließen. Ob wir Humor hatten. Und wie gut wir einander zuhörten. Und well, wer läse unsere Einträge außer der Zukunft? Was stünde bereits drin? Wie und woran sollten wir anschlussfähig sein? Niedrigschwellig heißt ja nicht gleich bedeutungslos. Jede große Veränderung besteht irgendwann aus Handlungen, die klein genug waren, um begonnen zu werden und andere inspirieren, mitzumachen. Ein Beschluss. Ein Gespräch. Ein Baum. Ein nicht gekauftes Ding. Eine gegründete Genossenschaft. Ein Stück Boden, das wieder Wasser hält. Eine Tür, durch die plötzlich andere Menschen mit an den Tisch kommen. Der Morgen, der Wald, so blau? Der Wald ist nicht gerettet, weil jemand in ihm pfeift. Aber wer sich von ihm ansprechen lässt, hört auf, ihn bloß für verfügbar zu halten. Und siehe da, unsere Seite ist nicht ganz leer. Sie trägt die Druckspuren derer, die vor uns geschrieben haben.
PS: Nur unterschreiben galt übrigens noch nie.
Wer es genauer wissen möchte:
Ozaki Hōsai, Right under the Big Sky, I Don’t Wear a Hat: The Haiku and Prose of Hōsai Ozaki, übersetzt von Hiroaki Sato, Stone Bridge Press 1993. (Hoshitori Haiku)
Steven D. Carter, Haiku Before Haiku: From the Renga Masters to Bashō. Columbia University Press, New York 2011.
Japanische Gedichtkarten – The Metropolitan Museum of Art: Objekt- und Sammlungsbeschreibungen zu shikishi und tanzaku
Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel: „Das frühneuzeitliche Stammbuch: Freundschaft, Prestige und Macht“, zu den alba amicorum als Erinnerungs-, Repräsentations- und Netzwerkmedien
Deutschlandfunk Kultur: „Warum Poesiealben Mädchensache sind“, zur späteren sozialen Funktion von Poesie- und Freundschaftsbüchern.
Hartmut Rosa, Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Suhrkamp, Berlin 2016.
Hartmut Rosa, Unverfügbarkeit. Residenz Verlag, Salzburg/Wien 2018; Suhrkamp Verlag, Berlin 2020.
Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC): Climate Change 2022: Impacts, Adaptation and Vulnerability und Climate Change 2023: Synthesis Report.
R. Snyder, „Hope Theory: Rainbows in the Mind“, Psychological Inquiry13, Nr. 4, 2002, S. 249–275. Maria Ojala: „Hope and Climate Change: The Importance of Hope for Environmental Engagement among Young People“, Environmental Education Research18, Nr. 5, 2012, S. 625–642. Nathaniel Geiger, Timothy Dwyer und Janet K. Swim: „Hopium or Empowering Hope? A Meta-analysis of Hope and Climate Engagement“, Frontiers in Psychology 14, 2023. (DOI)
Rob Hopkins, From What Is to What If: Unleashing the Power of Imagination to Create the Future We Want. Chelsea Green Publishing, 2019. Rob Hopkins, How to Fall in Love with the Future: A Time Traveller’s Guide to Changing the World. Chelsea Green Publishing, 2025.
Kyle Powys Whyte, „Time as Kinship“, in: Jeffrey Jerome Cohen und Stephanie Foote (Hrsg.): The Cambridge Companion to Environmental Humanities. Cambridge University Press, Cambridge 2021, S. 39–55.
Robin Wall Kimmerer, Braiding Sweetgrass: Indigenous Wisdom, Scientific Knowledge, and the Teachings of Plants. Milkweed Editions, Minneapolis 2013; dies.: The Serviceberry: Abundance and Reciprocity in the Natural World. Scribner, New York 2024.
Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services: Global Assessment Report on Biodiversity and Ecosystem Services, Summary for Policymakers, 2019.