Gemäuer

Ich lege dir das Wort auf

 

… lass mich dich trösten
so wie man ein Kind …
Mascha Kaléko, Weil deine Augen so voll Trauer sind

 

Ich öffne die Tür, obwohl
du gar nicht geklingelt hast,
ich schenk dir Glauben
und ein weiteres Viertel ein,
das, in dem ich gern mit dir wohnen möchte

Ich schenke dir mein Herz,
mehr hab ich nicht, weiss Züri West, im Radio, touché,
und Vertrauen, von dem, welches ich über Bande gespielt hatte,
ich schliesse dich ein
und aus dem Leben, das mich ohne dich älter werden lässt,
auch wenn du das verneinst

Ich halte dir die Stange, die Türe auf,
und dich für wunderbar, immer schon
Wunderbar, die Bar übrigens, in der ich am liebsten mit dir versacke;
vielleicht bilde ich mir das aber auch nur ein,
und dann bist du der Letzte, der es mir wieder ausredet.

Ich lege dir das Wort auf,
auf die Zunge und zu Füßen,
und wie den Schlüssel unter den Blumentopf,
von dem ich weiss, dass du zuerst nachschauen wirst

Ich setze dir das Komma auf den Schoss,
auf diese eine helle Stelle, in der sich das Licht tummelte,
als ich einmal kurz die Augen schloss und der Vorhang verrutschte,
den du wie immer sorgsam zugezogen hattest,
auf dass keiner,
der nicht du oder ich
unangemeldet vorbeischneien würde:
Unser Sommer fängt schließlich gerade erst an.

Gemäuer

Es lebe Europa! (Globe Theater Berlin 2021)

Globe Theater Berlin 2021 | Es lebe Europa!

“Das Paradies ist eigentlich auch ganz hübsch!”
(Bei der Probe aufgeschnappt)

Diesseits versus Jenseits – möge der Unterhaltsamere beginnen, fordert die Regie. Ich versuche, gedanklich zu folgen: Diesseits, da wo das Leben, den Ton angibt, oder jenseits, wo wir alle irgendwann über dem Zaun hängen? Und wo liegt eigentlich dieses Europa, das der Abend im Titel trägt?

Selten gespielter Autor

Generalproben wohnt ein Zauber inne, dem ich mich nur schlecht entziehen kann. Eine outofbed-Intimität, ähnlich den Restaurantbesuchen mit Blick (und Ohr) in die Küche. So also kommt dieser Geschmack zustande, der die Aubergine eindrücklich macht – nicht dass man das dann zu Hause nachkochen könnte. Aber man isst hernach als Komplizin.

Geschrieben hat die Stücke der, selten gespielte Autor Peter Scheerbart. Einer der Bonmots konnte und so u.a. mit dem Schlussvers seines Gedichts Sei sanft und höhnisch „Charakter ist nur Eigensinn. Es lebe die Zigeunerin!“ seinen Verleger Rowohlt zu einem oft genutzten Zitat inspirierte. Peter Scheerbart wirkte zugleich weit über die Literatur hinaus, er beeinflusste die damaligen jungen (wilden?) Architekten wie Bruno Taut, aber auch Walter Benjamins Passagenwerk. Das nur am Rande, aber hey!, sprachen wir nicht gerade über Beton und Stadt und Gestalten?

Globe Theater Berlin 2021 | Es lebe Europa

Die persönliche Note

“Der Witz wird heutzutage schlecht bezahlt”, sagt einer im Stück und überlegt Ernsthaftigkeit. Nichts weniger als die ganz großen Fragen und Debatten um zukunftsweisende gesellschaftsweisende Gesellschaftsmodelle sind die Substanz der acht Dramolette, die hier versammelt werden. Es lebe Europa! bildet den Auftakt, aber auch Der Herr vom Jenseits, Der Direktor, das Mirakel, Das Donnerwetter und Der Stornsteinfeger werden ihren Auftritt haben.  Sie werden den Ersnst mitnichten vermissen lassen,

Allahdings,

nicht nur durch ihren Wortwitz, ihren durchaus spröden Charme und die bei aller bis zur Absurdität übersptizten Radikalität allzeit durchschimmernden Liebwürdigkeit der zu Wort und Spiel kommenden Persönlichkeiten nahbar werden. Der Trotz, der nicht immer eine Lösung parat, die um Erbarmung wimmernde Verzweiflung bergen eine schurkenhafte Resilienz, die sie imemr wieder auf die Füße fallen lässt.

Diese Füße – mal in Tiger-Highheels, mal in fast schon zerfallenen Sneakers, mal bloß – stehen schönerweise auf den Brettern des hölzernen Rund, das uns Zuschauer umgibt und uns immer wieder die Köpfe in eine andere Richtung strecken lässt. Hier ein Wort, dort ein Saxophon, da ein Luftballon – nicht alles ist fest verankert,  aber alles hat seinen Moment.

Globe Theater Berlin 2021 | Es lebe Europa!

“Es lebe Europa!” steht am 28.und 29.8.2021 nochmal auf dem Spielplan des Globe Theater Berlin, das allein schon wegen der Location und ihrer Geschichte immer eine Reise wert.

Vergangenes Jahr schrieb ich übrigens über den Shakespear’schen Sturm, der mich hin- und weggeweht hatte, und der auch wieder im Programm – halleluja!