Gemäuer

Rastlos

San Gimignano Lichtenberg | © Anne Seubert

Nimm dir die Zeit, haben sie gesagt, nimm dir,
und die Zeit lag da wie ein reifer, runder Käseleib, mit handgewaschener Rinde,
lächelte siegesgewiss: Wer würde das schon wagen?

Wer schnitte die Zeit an, wer wagte, das Rund zu zerbrechen?
Wer wunderte sich mit mir über die Zeiten, die liegengeblieben waren?
Wer entschiede, welche Zeit die richtige für den Moment?

Nimm dir die Zeit, haben sie gesagt, nimm dir,
und ich stand da und nahm von dem, was da lag, Minuten, drei auf einen Schlag, ich erhöhte auf fünf, snooze, plötzlich waren es  Stunden.
Ich teilte sie mit allen, die ebenso zeitlos daherkamen wie ich.

Wer aber zählte die Zeit, die uns bleibt,
wenn alle Zeiten durch und das Maß voll?
Wer drehte die Uhren zurück auf Los, wer hielte sie an für uns aus der Zeit gefallenen?

Nimm dir die Zeit, haben sie gesagt, nimm dir,
stell den Zeiger auf 0 und die Sonne in den Schatten,
leg dir Zeiten zurecht und in Falten  wie die gute alte Stirn, schau dem Moment in die Augen, am besten tief.

Ich aber frage der Zeit Löcher in den Bauch,
kugelrunde, die sie kichern machen und tief Luft holen,
auf dass die Löcher nach oben steigen, dort wo du Luft dünn und das Herz heil.

Gemäuer

Opus 134

überland | Anne Seubert

Einst,
ich hatte schon zugeknöpft,
hoch geschlossen trug ich den Leib,
nur mehr die Ärmel weit,
und unachtsamerweise
den Nacken bloß

Darin,
wer hätte das vermutet, (ich nicht!)
fand dein Blick Halt,
du hattest ihn gebeten, deiner Hand zu folgen
und die Spur aufzunehmen
unter meine Haut

Weit,
kamen sie nicht, bereits
unterhalb der Hüfte fiel mir der erste Knopf in den Schoß –
ich vermutete einen Stein, weiß
wie die Nacht:

Ein Blatt, handgeschöpft rau, aber Contenance galore,
verstehe ich erst in der Berührung, was du mir zu sagen:
Ton an Ton liegen da zur Partitur sich fügend
Zug um Zug mir auf den Fingerspitzen:
Opus 134